Ein Mensch, ein Egoist?

Die bürgerliche Mentalität basiert auf „Jeder ist sich selbst der Nächste.“ und „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.“. Das sind Kernpfeiler des Egoismus. Heutzutage ist der Egoismus ein Teil der bürgerlichen Ideologie, besonders widergespiegelt als ein ins Extreme geführter Individualismus auf dem Gebiet der eigenen Identität. Die Gesellschaft wird atomisiert zu einer unteilbaren Restmasse von „Einzigartigen“, welche nichts mehr verbindet. Das ist ein erzreaktionäres Beispiel der heutigen bürgerlichen Ideologie.

Der Egoismus wird durch das Vorherrschen des Privateigentums befeuert. Dieses ist die materielle Basis. Aus dem Privateigentum entspringen die krudesten Ideen der Selbstverwirklichung. Dazu sei nur der Mythos vom „American Dream“ angeführt, welcher im Kern der Traum ist, als einfacher Arbeiter zu starten und zum Kapitalist zu werden. Nicht einmal im 19. Jahrhundert, als zumindest die Möglichkeit bestand, auf Freiland zum kleinen Warenproduzenten im Westen der USA zu werden, haben die meisten diesen Schritt geschafft. Heutzutage ist dieser Weg unmöglich, außer, man ist Pionier auf einem neuen Wirtschaftszweig, wie vor 20 Jahren im Internet. Auch dort haben sich spätestens vor einem Jahrzehnt Monopole herausgebildet. Auf dem Weg dorthin ging es um bloßen wirtschaftlichen Konkurrenzkampf, bei dem die meisten Firmen und Plattformen auf der Strecke blieben oder aufgekauft worden sind von anderen Konzernen. Ein bekanntes Beispiel für letzteren Fall ist die Übernahme von YouTube durch den Google-Konzern.

Der Mensch wird als unsoziales Wesen dargestellt. Im Widerspruch dazu ist die Menschheit aber ohne sozioökonomische Kooperation lebensunfähig. Überall auf dem Arbeitsplatz wird „Teamwork“ gefordert. Im Privaten aber, dort wird ideologisch gespalten, so weit es nur geht. Im Betrieb sollen die Werktätigen ein Kollektiv bilden, im Privatleben sollen sie voneinander getrennt sein wie die Partikel einer Staubwolke. Dabei ist der Mensch durchaus ein soziales Wesen. Charles Darwin schrieb in seiner „Abstammung des Menschen“: „Wenn der Mensch in der Kultur fortschreitet und kleine Stämme zu größeren Gemeinwesen sich vereinigen, so führt die einfachste Überlegung jeden Einzelnen schließlich zu der Überzeugung, daß er seine sozialen Instinkte und Sympathien auf alle, also auch auf die ihm persönlich unbekannten Glieder desselben Volkes auszudehnen habe. Wenn er einmal an diesem Punkte angekommen ist, kann ihn nur noch eine künstliche Schranke hindern, seine Sympathien auf die Menschen aller Nationen und aller Rassen auszudehnen.“1 Der Ansatz der kollektiven Zusammenarbeit eicht also bis hin zum Internationalismus. Darwin spricht davon, dass „soziale Tiere“ von einem „unbestimmten Wunsch“ getrieben seien, ihren Artgenossen zu helfen2. Darunter befindet sich auch der Mensch. Was ihn aber von tiefer stehenden Tieren unterscheidet, ist sein Moralbewusstsein3. Der Mensch ist für das Überleben auf seine Mitmenschen angewiesen. Er kann sein Ego nicht so sehr in den Mittelpunkt rücken, ohne dass die Gesellschaft nicht mehr funktioniert. Jeder hat seinen Platz. Es ist interessant, dass Darwins Ausweitung der Gruppenmoral bis hin zu universellen Prinzipien reicht. Dieser Ansatz erinnert stark an Menzius, der sagte: Man spricht beständig von Welt, Staat und Familie. Die Wurzeln des Weltreichs sind im Einzelstaat, die Wurzeln des Staates sind in der Familie. Die Wurzeln der Familie sind in der einzelnen Person.“4 Die verschiedenen Kollektive in der menschlichen Gesellschaft bauen aufeinander auf – das wird dadurch deutlich – und ganz unten steht das Individuum, nicht ganz oben.

Ein anderes Extrem, das gewissermaßen einen „umgekehrten Egoismus“ darstellt, ist es, sich selbst als minderwertig anzusehen. Zen-Meister Suzuki Shosan sagte einmal: „Ich denke immer, nur ich allein bin schlecht.“5 Diese Denkweise verhindert Hochmut, aber verhindert andererseits auch eine reale Sicht auf die eigene Umwelt. Suzuki Shosan sagte diesen Spruch, nachdem seine Schüler Fehler anderer kritisiert haben. Er lehnte dies ab und suchte ausschließlich eigene Fehler. Der „umgekehrte Egoismus“ zeigt sich darin, dass man noch immer so ich-fixiert ist, dass man andere nicht vor Fehlern bewahrt. Ali der Weise sagte: Wer dich warnt, ist wie jemand, der dir eine frohe Botschaft gibt.“6 Jemanden zu warnen, sodass er nichts verliert, ist so gut, als würde einer einem etwas schenken. Hätte er es verloren, so bräuchte er Ersatz. Alleinig in der eigenen Komfortzonenblase zu leben ist egoistisch.

Meine bisherigen Ausführungen mögen danach klingen, als gäbe es den Egoismus erst seit dem Aufkommen des Kapitalismus. Der Egoismus ist heutzutage bürgerlich, erst recht in seinem ideologischen Ausdruck als übersteigerter Individualismus. Das bedeutet nicht, dass er erst mit dem Aufkommen der Bourgeoisie existent geworden wäre. Ein antikes Beispiel für einen egoistischen Philosophen ist der Chinese Yang Zhu. Menzius sagte über ihn: Yang Dschu war Egoist. Sich auch nur ein Härchen ausziehen, um der ganzen Welt zu nützen: selbst das hätte er nicht getan.“7 Tatsächlich taucht diese Stelle im Kapitel VII „Yang Dschu“ beim daoistischen Klassiker Liezi auf. „Kein einziger gab ein Haar her, kein einziger nützte der Gesamtheit, und die Gesamtheit war in Ordnung.“8, sagte Yang Zhu demzufolge. Dieser Egoismus hatte anarchistisch anmutende Grundlagen. Außerdem sagte Yang Zhu: „Der Welt kann unmöglich mit Einem Haar geholfen werden.“9 Also war für ihn dieser Egoismus nicht einmal ein unbedingtes Prinzip. Es war eher eine Verweigerung gegenüber Unnötigen Opfern. Das beweist auch sein Eintreten für Nächstenliebe, welche er „gegenseitiges Mitleid“ nennt. Yang Zhu sprach: „Der Grundsatz des gegenseitigen Mitleids ist nicht eine Sache des bloßen Gefühls: in Zeiten der Überarbeitung verschafft er Erleichterung, dem Hunger verschafft er Sättigung, der Kälte verschafft er Erwärmung, dem Mißerfolg verschafft er Erfolg.“10 Yang Zhus Egoismus war also nicht „absolut“. Außerdem findet sich im Buch Liezi auch anderweitige Kritik. Ein Mann, der aus eigennützigen Motiven Geld am helllichten Tage von einem Marktstand stahl, wurde ertappt. Der Wachmann fragte ihn: „Ringsum stand doch alles voll Menschen; wie konntet Ihr da anderer Leute Gold wegnehmen?“ Die Antwort lautete: „Als ich das Gold nahm, da sah ich die Menschen nicht, ich sah nur das Gold.“11 Diese Geschichte ist keine reine Kritik am Egoismus. Es steckt in ihr eine Kritik an weltlichen Begierden und dahinter wiederum das daoistische Ideal, das eigene Ich abzulegen. Dennoch steckt in dieser Geschichte etwas: Egoismus als Besessenheit vom Eigennutz, sodass man die anderen Menschen um sich und deren Reaktionen völlig ausblendet. Dieses Verbrechen wurde in dieser Geschichte direkt geahndet. Der Egoismus führte also unmittelbar in eine schlechte Lage. Es gibt aber auch Geschichten, bei denen der Egoismus sich nicht so unmittelbar zeigt.

Das sogenannte Barnabasevangelium, eine islamische Fälschung aus dem frühen 14. Jahrhundert, enthält einige Beispiele egoistischer Denkweise. Diese ist verbunden mit dem Grundtenor „Jeder ist sich selbst der Nächste.“ auf dem Gebiet der Sünden. Dort gibt es das „Gleichnis von den drei Weinbergen“. Laut diesem soll Gott drei Weinbauern drei gleich gute Weinberge überlassen haben. Der erste Weinbauer wusste nicht, wie man den Weinberg bestellt und wird dafür bestraft, aber begnadigt, als Gott sieht, dass er wahrlich unfähig ist. Der zweite Weinbauer hilft dem dritten, sodass dieser eine Ernte einfährt, die für zwei Jahre reicht. Deshalb kommt der zweite Weinbauer aber in massiven Rückstand bei seiner eigenen Produktion. Der dritte Weinbauer kam davon, der zweite aber wurde daraufhin ohne Chance auf Begnadigung in einem Gefängnis mit Schlägen gefoltert12. Nächstenliebe, gegenseitige Hilfe, das gilt hier als etwas Schlechtes. Dies ist nicht nur in diesem Gleichnis aus dem Barnabasevangelium der Fall. An einer Stelle steht explizit: Die, die gute Werke tun wollen, sollen sich um sich selber kümmern, denn es nützt nichts, die ganze Welt zu gewinnen und die eigene Seele zu verlieren.“13 Das wird begründet mit der Last der Sünden. Die Auswirkungen der Sünden sieht man im Alltagsleben nicht. Sie spielen also in der Lebensrealität keine praktische Rolle. Die Sünden existieren bloß als Ideenkonzept. Dennoch ruft dieser Text dazu auf, dass die Gläubigen egoistisch handeln sollen, um ihres eigenen Seelenheils Willen. Das steht natürlich im Widerspruch zur Nächstenliebe und der Vergebung der Sünden im Neuen Testament. Diese Prinzipien wurden natürlich vom muslimischen Autor des Barnabasevangeliums nicht anerkannt. Stattdessen fälschte er das zusammen, was als das „eine von Gott an Jesus offenbarte Evangelium“ gelten sollte, von dem Mohammed sprach14. Dennoch kann man nicht außen vor lassen, dass es in evangelikalen Kreisen eine ähnliche Mentalität gibt. Nicht unter allen, aber unter vielen. Und das wohlgemerkt, obwohl diese das Barnabasevangelium zumeist nicht kennen und niemals als eine heilige Schrift ansehen würden. Die Quelle dieses egoistischen Denkens liegt nicht im Glauben begründet, sondern ist eine Reflexion äußerer ideologischer Erscheinungen. Wodurch sie im Fall des Barnabasevangeliums hervorgerufen worden sind, lässt sich schwer rekonstruieren, da außer dem Zeitpunkt der Niederschrift kaum Hintergründe sicher bekannt sind. Es gibt aber auch nichtreligiöse Beispiele für Egoismus in der Geschichte.

Der französische Philosoph Blaise Pascal erwähnt in seinen Aphorismen ebenfalls egoistische Denkweisen. Eigenliebe. Nur sich selbst zu lieben und nichts als sich selbst zu bedenken, ist die Art der Eigenliebe und dieses menschlichen Ichs.“15, schreibt er. Pascal beschreibt auch, dass es Menschen gibt, die ein „Scheinleben“ vor den Augen der anderen führen, um in ihren Augen besser dazustehen16. Dieses Verhalten gibt es bis heute. Zum Beispiel, wenn jemand einen Sportwagen auf Kredit sich zulegt oder least, um vor anderen angeben zu können. Das hat etwas mit diesem egoistischen Selbstbild zu tun, vor den anderen als mehr zu erscheinen, als man in Wirklichkeit ist. „Die größte Niedrigkeit des Menschen ist, den Ruhm zu suchen, und doch ist das grade das deutlichste Merkzeichen seiner Auszeichnung; denn mag einer auf Erden besitzen, was er will, wie gesund und wie wohlhabend er immer sei, er ist nicht zufrieden, wenn ihn die Menschen nicht achten.“17 Besonders der Aspekt, dass Reiche nicht zufrieden sind, wenn sie nicht geachtet werden, zeigt sich im Mäzenatentum von Großkapitalisten wie Bill Gates. Dabei handeln sie bloß wie Shen Te in Bert Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“: Sie beuten auf der einen Seite die Werktätigen auf das brutalste aus, um auf der anderen Seite einen kleinen Teil zurückzugeben und sich damit Sendezeit im Rampenlicht zu verschaffen.

Der Mensch strebt nach Anerkennung durch seine Artgenossen, das heißt, die Gesellschaft. Das ist ganz natürlich. Der Streben nach Ruhm und Prunk jedoch ist in diesem Falle wie das Verhältnis zwischen angemessener Nahrungsaufnahme und Völlerei. Pascal war nicht einfach gegen das Streben nach sozialer Anerkennung, aber er setzte dem Grenzen. „Größe des Menschen. Eine so hohe Vorstellung von der Seele des Menschen haben wir, daß wir es nicht ertragen können, von ihr verabscheut und nicht wenigstens von einer Seele geachtet zu werden; und in dieser Achtung besteht das ganze Glück des Menschen.“18, schrieb er. Aus der Sicht von Pascal kann der Mensch also nur glücklich werden innerhalb der Menschengemeinschaft.

Aber nicht nur die egoistischen Interessen erwähnt Pascal. Er hat auch eine plumpe philosophische Erklärung für den Egoismus: Alle Menschen hassen sich von Natur untereinander.“19 Die Folge daraus ist „Jeder ist sich selbst der Nächste.“ und dass man sich gegenseitig das Leben zur Hölle macht. Diese egoistische Haltung ist nicht nur unproduktiv, sie ist kontraproduktiv.

Letztendlich verletzen Egoisten sich selbst. Weniger auf den direkten Weg, als viel mehr dadurch, dass sie langfristig ihren Eigeninteressen schaden. Die Nachhaltigkeit egoistischer Denkweisen ist so, als würde man die Küchenmöbel verfeuern, um einen Abend lang den Ofen zu heizen. Andere Menschen werden die unsolidarische Haltung und die Ich-Fixiertheit verachten. Egoisten leben nicht alleine auf der Welt, nicht losgelöst von sozioökonomischen Bedingungen. Dadurch, dass sie sich zuerst um sich selbst kümmern, ihre scheinbaren Eigeninteressen, erreichen sie kurzfristigen Erfolg im Tausch für ein langfristiges Desaster. Die Ersten werden die Letzten sein und die Letzten werden die Ersten sein20 – diese biblischen Worte treffen darauf zu. Die Ausführungen sind keine rein abstrakte philosophische Frage nach menschlichen Verhaltensweisen.

Wir sollten auch unter Genossen Ausschau halten. Zen-Meister Suzuki Shosan sagte, dass die Gelehrsamkeit der Konfuzianer nicht ihre Gier auslöschen konnte21. Kann das Studium des Marxismus den Charakter eines Menschen grundlegend ändern? Das kann der Marxismus wohl nicht. Die revisionistischen Staatsmänner waren oftmals sogar auf Parteihochschulen ausgebildet worden. Hat dies ihren egoistischen, bürgerlichen Charakter etwa verändert? Intellektuelles Wissen ersetzt nicht charakterliche Eignung. Es haben so viele revisionistische Generalsekretäre Abschlüsse auf den Parteihochschulen gehabt und trotzdem hatten sie kein proletarisches Klassenbewusstsein. Das ist wie mit dem objektiven Wissen über die Gefährlichkeit des Rauchens, des Alkohols und von Drogen: Obwohl Raucher, Alkoholiker und Junkies von der Gefahr dieser giftigen Substanzen wissen, nehmen sie sie trotzdem. Wissen und charakterliche Belehrung sind zweierlei.

Natürlich können wir keine absolute Selbstlosigkeit abverlangen, als sei jeder Mensch ein Heiliger Franziskus. Ernst Haeckel schrieb, dass Egoismus und Altruismus gleichermaßen für das Überleben der Menschheit notwendig seien, nämlich in einem Gleichgewicht22. Das ist richtig. Wenn man sich nicht selbst zumindest so weit zu helfen weiß, dass man selbstständig überleben kann, dann ist man nicht dazu in der Lage, anderen zu helfen; wenn man anderen nicht hilft, dann braucht man auch keine Hilfe von anderen in Notlagen zu erwarten. Egoismus und Altruismus bilden ein dialektisches Spannungsfeld. Bei Ungleichgewicht schlägt es in der Regel aus Richtung Egoismus, in seltenen Fällen Richtung Altruismus. Ansonsten wäre die Welt voll mit Menschen wie der Heilige Franz von Assisi. Das Hauptproblem ist der Egoismus. Sollte es wen geben, der zu altruistisch ist, müsste man ihn ermuntern, etwas mehr an sich selbst zu denken.

Das Ich und das Wir müssen in Einklang gebracht werden. Das bedeutet, man muss die eigenen Interessen mit denen des Kollektivs abstimmen. Das Kollektiv muss individuelle Besonderheiten berücksichtigen, so wie sich das Individuum an die Gruppenregeln zu halten hat. Das ist es, worauf wir achten sollten.

1 Charles Darwin „Die Abstammung des Menschen“, Nikol Verlaag, Hamburg 2021, S. 152.

2 Vgl. Ebenda, S. 257.

3 Vgl. Ebenda, S. 256.

5 Suzuki Shosan „Du wirst sterben!“, Angkor Verlag, Frankfurt am Main 2001, S. 44.

9 Ebenda.

12 Vgl. „Das Barnabas-Evangelium“, Turban Verlag, Bonndorf im Schwarzwald 1994, S. 115/116.

13 Ebenda, S. 214.

14 Siehe: Sure 5, 46.

15 Blaise Pascal „Gedanken – Eine Auswahl“, Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1979, S. 52.

16 Vgl. Ebenda, S. 56.

17 Ebenda, S. 83.

18 Ebenda, S. 84.

19 Ebenda, S. 55.

20 Vgl. Matthäus 20, 16.

21 Vgl. Suzuki Shosan „Du wirst sterben!“, Angkor Verlag, Frankfurt am Main 2001, S. 52.

22 Vgl. Ernst Haeckel „Die Welträtsel“, Nikol Verlag, Hamburg 2009, S. 445/446.

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