Etappensieg des Irak
Liebe Leser, es folgt ein Artikel des Genossen Kalonji Nsala:
Der erste Etappen Sieg: Abzug der US Streitkräfte
Nach mehr als 20 Jahren Besatzung ziehen sich die US-Streitkräfte aus dem Irak zurück! Ihre Bilanz: Hunderttausende tote Iraker, ein zerbombtes Land, zerstörte Schulen, Krankenhäuser und Infrastruktur und ein Staat, dessen Ölverträge unter Besatzungsdiktat auf die westlichen
Konzerne übertragen wurden. Doch der Abzug der Soldaten ist nicht der Abzug des Kapitals:Die US-Konzerne bleiben im Land und führen ihren Raubbau an den Ressourcen des irakischen Volkes fort! Der Rückzug hat einen doppelten Grund: Das US-Militär hat sich global überdehnt im Pazifik wartet China, in Europa bindet der Konflikt mit Russland ihre Kräfte weshalb das US-Kapital seine Truppen neu ordnen muss. Zugleich haben der Widerstand der irakischen Bevölkerung und die wachsende Macht des Iran in der Region den Preis der Besatzung so weit in die Höhe getrieben, dass sich das Geschäft für die Konzernbosse nicht mehr rechnet! Die Truppen wandern in die Nachbarländer – nach Jordanien, in die Golfstaaten und behalten den Irak weiter im Visier. Doch was bedeutet dieser Rückzug für die irakische Arbeiterklasse, die das Öl fördert, die Häfen schleppt und von allen Seiten ausgepresst wird?
Saddam Hussein und der falsche Sozialismus der Baath Partei
Saddam Hussein und seine Baath-Partei repräsentierten klassenmäßig die nationale Bourgeoisie. Diese Klassenbasis erklärt den Doppelcharakter des Regimes: Nach innen regierte es als Diktatur von Funktionären, Offizieren und Clan-Familien,die den Staat und die Öleinnahmen wie ihr Eigentum behandelten und Gewerkschafter, Kommunisten, Kurden und religiöse Oppositionelle verfolgen ließen. Zugleich trieb dieselbe Nationale Bourgeoisie einen widersprüchlichen Nationalismus hervor:Sie verteidigte die errungene staatliche Eigenständigkeit gegen den Imperialismus, konnte aber weder die Arbeiterklasse zur herrschenden Klasse machen noch sich dauerhaft von ihr emanzipieren. Lange Zeit war das Regime deshalb ein nützlicher Partner des Westens USA und Westdeutschland belieferten Saddam im Krieg gegen den Iran mit Waffen und Technik. Was ihn zum Feind machte, war nicht Menschenrechtsverletzung (die tolerierte man), sondern der Überfall auf Kuwait 1990: Ein unabhängiger Akteur mit den zweitgrößten Ölreserven der Welt passte nicht in die Ordnung, die der Imperialismus für die Region vorgesehen hatte. Die Invasion 2003 zerschlug das Regime und öffnete das Land den Konzernen der Rückzug 2011 und die Rückkehr 2014 unter dem Vorwand der IS-Bekämpfung zeigten dann, dass es bei allem Formwechsel immer um dieselbe Sache ging: ökonomische Aneignung und politische Kontrolle. Der Abzug 2026 folgt schließlich keinem Sinneswandel, sondern einer Zwangslage: Überdehnung der Streitkräfte, Rivalität mit China im Pazifik und die Bindung in Europa zwingen die USA, sich an einer Front zurückzuziehen, um woanders zu schlagen verschoben werden die Soldaten, nicht das Ziel. Doch der Rückzug beendet keinen Widerspruch, sondern verschärft sie: Ohne den gemeinsamen Feind zerfallen die Zweckbündnisse, die den Widerstand zusammenhielten, und der Kampf um Staat und Öl tritt offen
zutage. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, welche Fraktion der Eliten oben landet
sondern ob die irakische Arbeiterklasse, die das Öl fördert, die Häfen trägt und bisher von allen
Seiten nur benutzt wurde, sich als eigenständige Kraft organisiert. Denn im Ende der nationalen
Front wird die Klassenfrage wieder sichtbar: Wer arbeitet, sollte auch herrschen.
Etappen des Krieges nach Mao Zedong
Die irakische Arbeiterklasse, sowie die internationale Arbeiterklasse und Bauern dürfen diesen
militärischen Rückzug der US-Streitkräfte nicht als Niederlage des US-Kapitals verstehen. Ganz nach den Lehren von Mao findet ein Krieg in Etappen statt: „Ein Rückzug ist ein notwendiges
Mittel, um die Kräfte zu erhalten und für die Gegenoffensive günstige Bedingungen zu schaffen”
(1). Es ist also eher ein strategisches Sammeln der US-Streitkräfte. Wer das materialistisch-
dialektisch betrachtet, statt sich an der Oberfläche der Ereignisse aufzuhalten, muss fragen:
Warum wird zurückgezogen, und wofür werden die Kräfte frei? Denn ein Rückzug ist an sich
nichts: weder Sieg noch Niederlage. Lenin hat das am Beispiel Brest-Litowsk gezeigt und Mao am Beispiel des zeitweiligen Aufgebens von Gebieten der Rückzug ist eine normale Bewegungsform des Krieges und der Politik.
Nach Matrialer Dialektischer analyse ist die Überdehnung: Sie tritt auf als Differenz zwischen dem globalen Herrschaftsanspruch und der real verfügbaren ökonomisch-militärischen
Reproduktionskraft des Hegemons. Der Rückzug aus dem Irak ist genau der Versuch, diese
Differenz zu verkleinern, also Kräfte abzuziehen, die woanders gebraucht werden. Die
Erscheinungsform ist militärisch, das Wesen ökonomisch.
Woanders heißt: Asien. Hier muss man Lenin ernst nehmen: Der Kapitalismus entwickelt sich
ungleichmäßig, und dieses ungleichmäßige Wachstum verschärft die zwischenimperialistischen
Widersprüche. Das chinesische Kapital hat in den letzten Jahrzehnten einen solchen
Entwicklungssprung gemacht am deutlichsten sichtbar in den Fortschritten auf dem Gebiet der KI und strebt als imperialistisches Kapital zur hegemonialen Weltmacht (4). Dafür muss es
zwangsläufig die Dominanz in Wissenschaft, Technik, Militär und Wirtschaft schaffen, denn das
sind die Voraussetzungen der Hegemonie. Das chinesische Kapital setzt den Fokus auf Industrie, Logistik, Bildung und Verwaltung, konkrete Umsetzungspläne für Industrie und Gesellschaft stehen im Mittelpunkt der staatlichen Planer. Der Konflikt zwischen dem US-Kapital und dem chinesischen Kapital ist also kein zufälliger Streit, sondern er ergibt sich zwangsläufig aus der ungleichen Entwicklung selbst. Vor diesem Hintergrund ist der Rückzug aus dem Irak das strategische Sammeln für diese Front.
Und wichtig: Das US-Kapital ist weiterhin im Land. Es wird nur nicht mehr durch das US-Militär
geschützt, sondern durch die irakische Regierung. Nach Berichten des Atlantico: „That finally
changes on October 1. What replaces it is more typical of a relationship with the US—diplomacy, energy and infrastructure investment, arms sales, and financial ties, above all the Federal Reserve’s role in Iraq’s dollar access. Two shifts stand out. First, influence becomes more transactional. Without troops, Washington’s main levers are economic: Iraq’s leadership has already signaled that US forces will leave while US companies stay. That gives Washington a stake in Iraq’s stability, but it also exposes Baghdad economically.” (2) Das US-Kapital gibt also die Herrschaft im Land nicht auf, es verlegt nur die Form der Absicherung vom Militär auf die irakische Staatsgewalt und die ökonomischen Hebel wie Rüstungsverkäufe und Dollarzugang.
Dass China genau dasselbe ohne Truppen macht, ist keine Ausnahme, sondern die Bestätigung des Musters. Das chinesische Kapital betreibt seine neo-koloniale Politik in Form der Seidenstraße, die neue Abhängigkeiten ans chinesische Kapital schafft. Das chinesische Kapital investiert massiv in dieses Projekt, um an die Ressourcen der betroffenen Länder zu kommen sei es physische Ressourcen in Form von natürlichen und synthetischen Rohstoffen, als auch Humankapital: An chinesischen Universitäten wird eine neue Intelligenzia ausgebildet, die in ihren Heimatländern, durch die die Seidenstraße verläuft, ihre Arbeitskraft verkauft, um dort den Raubbau an Ressourcen und Mineralien zu optimieren. Ein Beispiel dieser neo-kolonialen Anbindung ist, dass
China zugesagt hat, bis zu 50 Tausend Afrikaner des Kontinents an chinesischen Universitäten ausbilden zu lassen, mehrheitlich in Studiengängen der MINT-Fächer, sprich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik jene Fächer, die man zur Verwertung der Arbeitskraft braucht, um die Seidenstraße vor Ort in Betrieb zu halten und zu expandieren im Namen des chinesischen Kapitals (3.1). Damit werden diese rohstoffreichen Nationen in die neo-koloniale Abhängigkeit getrieben. Das ist Neo-Kolonialismus im Sinne von Nkrumah: die Ausbeutung funktioniert gerade ohne Truppenpräsenz und ohne formale Besatzung dieselbe Form also, die das US-Kapital im Irak anstrebt. Zwei rivalisierende Kapitalfraktionen, ein gemeinsames Muster.
Was der Rückzug nicht bedeutet
Wer den Abzug der US-Streitkräfte aus dem Irak am 30.09.2026 betrachtet, sieht zunächst eine
Erscheinungsform: Soldaten verlassen das Land, Fahnen werden eingeholt. Die bürgerliche
Öffentlichkeit liest diese Erscheinung unmittelbar als „Ende der Besatzung”. Materialistisch-
dialektisch betrachtet ist diese Lesart oberflächlich, denn sie verwechselt die Erscheinungsform
mit dem Wesen. Gefragt werden muss nicht: Wie viele Soldaten sind fort? sondern: Hat sich am Herrschaftsinhalt etwas geändert? Die Antwort ist nein, denn es vollzieht sich kein Wegfall der Herrschaft, sondern ein Formwechsel derselben Herrschaft: Der Inhalt die neokoloniale
Absicherung des US-Kapitals bleibt bestehen, nur seine Form wandelt sich von der direkten
militärischen zu einer indirekten, über den irakischen Staat vermittelten Herrschaft.
Diesen Formwechsel erkennt man nicht an der Oberfläche, sondern an den materiellen
Verhältnissen. Erstens: Die USA haben sich über die Foreign Military Sales (FMS) eine langfristige Kontrolle über die irakische Kommandostruktur gesichert. Ein neuer FMS-Kauf im Wert von 110 Millionen Dollar für VSAT-Satellitensysteme sieht vor, dass „two additional U.S. Government and five U.S. contractor representatives to Iraq for a duration of five years” eingesetzt werden, um „engineering consulting and technical assessments for equipment upgrades” durchzuführen (7.1). Die quantitative Veränderung weniger Truppen kaschiert, dass qualitativ neues Personal die Kontrolle über das Nervensystem der irakischen Armee übernimmt: „improving its satellite communication capability across the Ministry of Defense’s communication infrastructure” (7.2). Die Kommunikationsinfrastruktur des irakischen Verteidigungsministeriums bleibt technisch von den USA abhängig ohne Truppen, aber mit technischem Personal. Die Quantität der Präsenz sinkt, ihre Qualität institutionelle Verfügbarkeit über fremde Streitkräfte bleibt.
Zweitens: Das Verhältnis von Ausbeuter und Unterdrücktem hat sich nicht aufgelöst, sondern
verschoben. Bisher unterdrückten US-Soldaten die irakische Arbeiterklasse und Bauern physisch; jetzt überträgt das US-Kapital die Funktion der Unterdrückung auf den irakischen Staat selbst. Der Reproduktionsprozess der Ausbeutung wird verstaatlicht, gewissermaßen sozialisiert im Interesse des fremden Kapitals: irakisches Humankapital die Söhne der Arbeiter und Bauern in Uniform richtet sich nun gegen die eigenen Klassenbrüder. Gerade darin liegt die gesteigerte Perfektion der neokolonialen Form: Die Repression kostet das US-Kapital keine eigenen Soldaten mehr.
Dass der Herrschaftsinhalt unverändert weiterläuft, zeigen die ökonomischen Verhältnisse,denn
diese sind das Entscheidende. Das US-DFC finanziert das Khor-Mor-Gasprojekt, das 80 Prozent der Stromversorgung der Kurdenregion sichert (6.1). Der irakische Staat zahlt aus dem Budget direkt 16 Dollar pro Barrel an internationale Ölfirmen (6.2). Die Federal Reserve kontrolliert den Dollar-Zugang „Washington’s main levers are economic” (6). Die Herrschaft ist also von der militärischen Form in die ökonomische Form übergegangen: Vom Bajonett zum Finanzhebel, von der Panzette zum Kredit. Für die irakischen Werktätigen ist der Unterschied gering: Der Mehrwert fließt weiter ab.
Doch die Bewegung ist nicht nur Formwechsel, sondern zugleich Moment im
innerimperialistischen Widerspruch. Der Rückzug ist keine Rückkehr in die Isolation, sondern
strategisches Sammeln für die Front, auf der der Hauptwiderspruch der imperialistischen Kette
heute austrägt wird verschärft durch den Konflikt mit dem Iran. Die US-Generäle behalten sich
vor, jederzeit zurückzukehren; die Formulierungen von 2021 aus Afghanistan („over-the-horizon
strikes”) kehren wieder Drohung ohne Präsenz, Intervention ohne Verpflichtung. Und wenn sich die Massen gegen die neokoloniale Herrschaft erheben sollten, wird das US-Kapital nicht zögern, den Formwechsel rückgängig zu machen: Vom Finanzhebel zurück zum Bajonett.
Die Geschichte kennt dieses Muster. Indochina 1975 und Afghanistan 2021 zeigen: Truppen
gehen, Berater und Waffenlieferungen bleiben, lokale Regierungen sollen den Rückzug
stabilisieren. In Vietnam fiel Saigon, in Afghanistan kollabierte die Regierung binnen Wochen. Im Irak steht die Entscheidung noch aus doch sie fällt nicht in Washington, sondern in den Fabriken, Häfen und Ölfeldern. Wird der irakische Staat das Machtvakuum im Namen des US-Kapitals füllen, oder brechen die Strukturen, die Washington zurücklässt? Diese Frage ist materiell, nicht moralisch zu beantworten sie wird entschieden von den Kräften, die im Folgenden zu bilanzieren sind.
Der Rückzug als objektives Ergebnis der Schwäche
Das US-Kapital führt gleichzeitige Konflikte an mehreren Fronten: die Blockade im Pazifik gegen China, die NATO-Ostflanke gegen Russland, und seit Juni 2025 den Krieg gegen den Iran. Die Überdehnung erreicht ihren kritischen Punkt, als die USA 2026 den Rückzug aus dem Irak vollziehen gerade weil die Straße von Hormuz zum Brennpunkt eskaliert ist. Die Truppenabzugsentscheidung ist nicht Abkehr vom Konflikt, sondern Umkonzentration der Kräfte auf die Hauptfront. Der Irak ist zu einer sekundären Front geworden, die freigegeben werden muss, um die primäre Front am Hormuz zu bedienen.
Der Abzug der Kampfeinheiten ist nicht gleichbedeutend mit einem Rückzug der US-Präsenz. Die USA haben sich über die Foreign Military Sales (FMS) eine langfristige Kontrolle über die irakische Kommandostruktur gesichert: Ein neuer FMS-Kauf im Wert von 110 Millionen Dollar für VSAT-Satellitensysteme sieht vor, dass „two additional U.S. Government and five U.S. contractor representatives to Iraq for a duration of five years” eingesetzt werden, um „engineering consulting and technical assessments for equipment upgrades” durchzuführen (7.1, 7.3). Die quantitative Veränderung weniger Truppen kaschiert, dass qualitativ neues Personal die Kontrolle über das Nervensystem der irakischen Armee übernimmt: „improving its satellite communication capability across the Ministry of Defense’s communication infrastructure” (7.2). Die quantitative Präsenz sinkt, ihre institutionelle Verfügbarkeit bleibt.
Die Kräfte, die jetzt um den irakischen Staat ringen
Der irakische Staatsapparat verwaltet den Irak als Neokolonie des US-Kapitals. Die Baath-Herrschaft hatte die irakische Ölwirtschaft zwar verstaatlicht, doch handelte es sich nicht um eine nationale Bourgeoisie im Sinne eigenständiger Akkumulation, sondern um eine staatsbürokratische Kaste, die ihrerseits in regionalen Abhängigkeiten operierte. Das US-Kapital zerschlug nach 2003 diese Struktur vollständig und installierte an ihre Stelle eine Kompradorenbourgeoisie: eine Klasse, die nicht eigene Produktion organisiert, sondern fremdes Kapital vermittelt und an dessen Reproduktion mitverdient. Sie kooperiert dabei mit derselben Armee, deren Folterregime in Abu Ghraib offenbar wurde (8).
Der irakische Staatshaushalt die Steuergelder des irakischen Volkes finanziert die Reproduktion ausländischer Ölkonzerne direkt, und das in der Währung des US-Kapitals: „The Iraqi parliament amended the 2023 budget law to allow Baghdad to pay IKR IOCs $16 per barrel…” (6.2). Das ist kein Kapitalmarktmechanismus, sondern Haushaltsabfluss zugunsten fremden Kapitals. Würde eine dominante Nationalbourgeoisie existieren, würden Staatshaushaltsgelder eigene Investitionen fördern, nicht die Profitmargen ausländischer Konzerne. Das belegt, dass der Irak von einer Kompradorenbourgeoisie verwaltet wird, die vom US-Kapital abhängig ist. Sie kann sich im Ermessensspielraum der USA bewegen; sollte sie diesen verlassen, können die Ketten enger geschnürt werden.
Durch die US-Seeblockade der Straße von Hormuz entzieht sich dem irakischen Kompradorenstaat seine Finanzierungsbasis 88 Prozent der Staatseinnahmen stammen aus Öl, der Export läuft über Hormuz (12). Die al-Zaidi-Regierung sitzt zwischen zwei Fronten: Die US-seitige Seeblockade stranguliert die irakischen Öleinnahmen, während die vom Iran finanzierten Milizen im Land eine potenzielle fünfte Kolonne darstellen. Bagdad versucht daher mit aller Macht, das Gewaltmonopol zu zentralisieren und die Milizen zu demilitarisieren oder in die staatliche Armee einzugliedern. Die Zentralisierung ist kein Luxus, sondern existenziell für den Staat.
Der Dollar-Mechanismus festigt die Abhängigkeit: Jede irakische Ölabwicklung läuft über den Dollar-Zugang, den die Federal Reserve kontrolliert – „Washington’s main levers are economic” (2). Selbst wenn sich aus der dominierenden Kompradorenbourgeoisie eine nationale Bourgeoisie entwickeln sollte, bliebe sie ohne Zugang zu den internationalen Märkten mit eigener souveräner Währung an das US-Finanzsystem gebunden.
Technische Kontrolle vervollständigt das Bild: „Two additional U.S. Government and five U.S. contractor representatives… for a duration of five years” (7.1); „improving its satellite communication capability across the Ministry of Defense’s communication infrastructure” (7.2). Wenn ein Staat seine eigenen Militärkräfte nicht technisch unabhängig steuern kann, wird er keine eigenständige Staatsräson entwickeln können. Das ist staatliche Souveränität ohne Souveränitätsinhalt.
Durch den FSC-Entscheid Nr. 59 vom 15. Februar 2022 hat die Bagdader Zentrale „invalidated the legal foundations of the KRG’s oil sector independence and affirmed the federal government’s exclusive powers over oil exports” (10). Damit eliminierte sie die Eventualität einer Basis nationaler Bourgeoisie unter den Kurden: Bagdad annullierte zudem sieben Produktionsverträge der KRG mit internationalen Konzernen, darunter DNO, Genel, Addax und Gulf Keystone (10). Die kurdische Bourgeoisie verlor ihre eigene Einnahmebasis doch das ist kein nationaler Fortschritt, sondern eine Neueinteilung der Verwertung in der Neokolonie: Der Irak zahlt 16 Dollar pro Barrel, der Staat finanziert das ausländische Kapital, Bagdad behält nur die Formalhoheit über das Budget (6.2).
Die irakische Arbeiterklasse ist die einzige Kraft im Land, die unabhängig von imperialistischen Fraktionen und lokalen Milizen agiert. Das ergibt sich nicht aus ihrer Zahl, sondern aus ihrer Stellung im Produktionsprozess: Öl erzeugt den größten Teil der Staatseinnahmen, die Förderung ist technisch von qualifizierten Arbeitern abhängig, Pipelines und Exportanlagen bilden die Engpässe der Volkswirtschaft. Der Irak besitzt mit über 145 Milliarden Barrel die viertgrößten nachgewiesenen Ölreserven der Welt (11). Im Jahr 2025 machten Öl 53 Prozent des realen BIP, 88 Prozent der Staatseinnahmen und 91 Prozent des Warenexports aus (12). Wer diese Anlagen kontrolliert, besitzt eine reale gesellschaftliche Machtposition. Der Hauptwiderspruch, in dem die Ölarbeiter seit 2003 stehen, ist derselbe: öffentliche Kontrolle über die Ölindustrie gegen ausländische Kontrolle, Privatisierung und Verwertung durch internationale Konzerne.
Die irakische Arbeiterklasse hat das Baath-Regime überdauert. Die irakische Gewerkschaftsbewegung reicht bis in die späten 1920er Jahre zurück; 1948 marschierten 3.000 Ölarbeiter mit dem Slogan nach Bagdad: „We the oil workers have come to claim our violated rights” (9.3). Saddam Hussein bestrafte Arbeiterorganisation mit Foltergefängnissen, lebenslangen Haftstrafen und Mord; 1987 verbot sein Regime den Arbeitern öffentlicher Betriebe praktisch jede Gewerkschaftsarbeit. Und die Besatzung knüpfte exakt dort an: Saddams Verbot öffentlicher Gewerkschaften war das einzige Saddam-Erlass, das die US-Besatzungsverwaltung unter Paul Bremer aufrechterhielt und mit Public Order #1 verschärfte (9.1, 9.2). Doch die Klassenkämpfe der Vergangenheit blieben als Erfahrung erhalten: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen” (13). So mussten die Ölarbeiter 2003 nicht bei null beginnen.
Darin unterscheiden sie sich von allen anderen Kräften, die heute um den irakischen Staat ringen. Die Milizen existieren nicht aus eigener Stellung im Produktionsprozess heraus, sondern im Auftrag und auf Kosten ihres Patrons. Die Kompradoreneliten sind 2003 von außen installiert worden. Beide verdanken ihre Existenz einem Geldgeber, der austauschbar ist. Die Arbeiterklasse verdankt ihre der Stellung im Produktionsprozess und die ist nicht kündbar.
Angesichts der Tatsache, dass 88 Prozent der Staatseinnahmen aus dem Ölsektor generiert werden, verschärft sich die strategische Rolle der Arbeiterklasse. Da der Irak auf die Einnahmen aus dem Öl angewiesen ist, ist die Sicherung und Verteidigung der Ölinfrastruktur eine existenzielle Frage für die gesamte Gesellschaft. Die Arbeiter sitzen an der Reproduktionsgrundlage nicht nur des Kapitals, sondern der Staatsfinanzierung selbst. Sie können den gesamten Staat in Stillstand versetzen, wenn sie sich organisieren.
Der erste Beweis folgte unmittelbar nach der Besetzung. Die Besatzungsverwaltung hatte Kellogg, Brown & Root, eine Tochtergesellschaft von Halliburton, mit weitreichenden Aufgaben im Ölsektor betraut. Im August 2003 stellten Beschäftigte in etwa zehn staatlichen Unternehmen des Südens bald organisiert in der General Union of Oil Employees (GUOE) die Ölförderung und den Transport ein. Der Druck zwang KBR zum Rückzug aus den betroffenen Gebieten und zur Schließung ihrer Büros.
Der zweite Beweis diesmal gegen den eigenen Staat folgte 2007. Das geplante Ölgesetz, das wichtigste Druckinstrument Washingtons gegen Bagdad, sollte ausländischen Unternehmen über langfristige Verträge die zentrale Rolle bei der Erschließung der Ölfelder geben in einer Frage, die in Irak möglicherweise die unpopulärste US-Maßnahme überhaupt war (9). Die als Iraqi Federation of Oil Unions (IFOU) organisierten Arbeiter mit etwa 26.000 Mitgliedern kündigten den Streik an (21). Anfang Juni 2007 legten sie die Pipelines von den Rumaila-Feldern bei Basra zur Raffinerie nach Bagdad lahm: „Basra-area pipeline workers, part of the 26,000-member IFOU, shut down oil pipelines leading to Baghdad on 4 June, and again on 5 June” (14). Die Antwort des Staates charakterisiert ihn: Maliki ließ Einheiten der 10. Division der irakischen Armee aufmarschieren und umstellte die Streikenden bei Shuaiba nahe Basra; Berichte aus Basra sprechen von US-Überflügen über den Streikenden.
Das Militär trat gegen Ölarbeiter an, nicht gegen die Milizen. Diese Verteilung der Feindschaft ist kein Zufall, sondern der Klassencharakter des Staates in Reinform: Der Kompradorenstaat verhandelt mit denen, die Waffen haben, aber keinen Zugriff auf die Produktionsmittel, und er schlägt mit dem Militär auf die nieder, die Zugriff auf die Produktionsmittel haben, aber keine Waffen. Die Milizen stellen die Herrschaftsordnung nie in Frage, solange ihr Patron mit am Tisch sitzt; die Ölarbeiter bedrohen sie in ihrem Kern. Darum galt die Drohkulisse von Shuaiba nicht den Bewaffneten, sondern den Streikenden. Zugleich zeigte sich die Spezifik der Arbeitermacht: Die Gewerkschafter mussten nichts zerstören. Milizen können beschädigen, Arbeiter können anhalten.
Die Kräftebilanz danach ist eindeutig: Jede andere Kraft im Ringen um den irakischen Staat hat einen externen Patron. Die Regierung repräsentiert das US-Kapital, die Milizen reproduzieren Iranische und Türkische Interessen, die Konzerne gehören den Metropolen. Die Arbeiterklasse ist die einzige, deren Machtbasis der Produktionsprozess selbst ist im Ölsektor sitzt der Schlüssel zur ökonomischen Reproduktion, im Hafen der Schlüssel zum Export. Eine Gewerkschaftsfront hier wäre der erste Schritt zur echten Souveränität.
Die Lehre von China: Zweckbündnisse ohne Hauptfeind
Der Abzug der US-Streitkräfte aus dem Irak am 30.09.2026 hebt den Überlagerungsmechanismus auf, unter dem die innerirakischen Widersprüche die ganze Zeit standen. Wie in China 1937–1945: Während des Japan-Krieges versuchte die Kuomintang dreimal, den Bürgerkrieg wieder zu eröffnen „during the War of Resistance it launched three large-scale anti-Communist campaigns, in 1940, 1941 and 1943″ (16.1). Der Klassenwiderspruch lief also während der Einheitsfront weiter, nur kanalisiert und überdeckt.
In China überlagerte der japanische Faschismus den Widerspruch zwischen Großgrundbesitzern/Kompradoren (KMT-Basis) und Bauernmassen (KPCh-Basis). Im Irak überlagerte die US-Besatzung die Gegensätze zwischen Kompradorenbourgeoisie, Milizen, Kurden, Sadristen und einer kleinen linken Opposition. Selbst während der Besatzung suchte die KPCh immer wieder das Bündnis mit der KMT, obwohl diese Bündnisvereinbarungen brach weil der Hauptwiderspruch zwischen japanischer Besatzungsmacht und chinesischem Volk das taktische Verhältnis bestimmten.
Mit dem Abzug der US-Truppen am 30.09.2026 entfällt der gemeinsame Gegner (zumindest in seiner sichtbaren militärischen Form). Was folgt: derselbe Mechanismus wie in China 1945 die nationale Frage verliert ihre sammelnde Funktion, und die Klassengegensätze treten in den Vordergrund.
Mit dem militärischen Abzug der US-Streitkräfte aus dem Irak am 30.09.2026 entstand ein Machtvakuum doch anders als in China 1945 kein totales. Der US-Imperialismus verlagerte nicht seine Macht, sondern nur ihre Form: Statt US-Soldaten schützen nun die Regierungstruppen des irakischen Klientelstaates das ausländische Kapital, das sich die Ressourcen aneignet. Die USA gaben das unmittelbare Gewaltmonopol auf, behielten aber die ökonomische Steuerung über Dollar-Zugang, FMS-Kontrolle und DFC-Investitionen. In diesem partiellen Vakuum dem militärischen Loch, das der Hegemon geräumt, aber ökonomisch gepachtet hat intensiviert sich die Konkurrenz der Regionalmächte.
Die unterschiedlichen Fraktionen werden von ihren ausländischen Patronen finanziell unterstützt, um dieses Vakuum zu füllen und den Interessen des fremdländischen Kapitals zu dienen. Iran finanziert und steuert schiitische Milizen, die Golfstaaten unterstützen sunnitische Netzwerke, die Türkei greift militärisch im Nordirak ein, um einen unabhängigen kurdischen Staat mit Zugriff auf Ölreserven und eigenem Militär zu verhindern. Parallel dazu verschärft sich die Kriegsökonomie der Eigenfinanzierung: Schmuggel, Ölhandel außerhalb staatlicher Kontrolle, Immobiliengeschäfte, Posten im Staatsapparat. Externer Patron und Aneignungsökonomie haben dasselbe Resultat: die Abkopplung der Fraktionsführungen von der lokalen Klassenbasis. Beide Geldquellen disziplinieren die Fraktionen gegen die Arbeiterklasse, nicht für sie.
Der Vergleich zur Kommunistischen Partei Chinas unter Mao Zedong zeigt den Unterschied. Auf die Frage eines amerikanischen Korrespondenten, wer ihm die Macht gegeben habe, antwortete Mao: „The people. The ruling Kuomintang hasn’t given us any power” (22). Die KPCh war vollkommen unabhängig von ausländischem Patronat, weil sie sich aus der eigenen Massenbasis heraus finanzierte und bewaffnete. Die irakischen Fraktionen stehen umgekehrt da: extern alimentiert oder parasitär keine kann auf die Frage nach der Quelle ihrer Macht eine Antwort geben, die nicht über Teheran, Riyadh oder Ankara führt.
Die fremdländischen Kapitale wollen kein unabhängiges Irak ob geführt vom irakischen Kapital oder der irakischen Arbeiterklasse, denn ein solcher Staat könnte zur regionalen Gefahr für ihre Kapitalinteressen werden. Sie teilen das Gesamtinteresse an permanenter Fragilität des irakischen Staates; der Iran-Irak-Krieg 1980–88 steht als historische Lehre, wie ein starker Nachbarverteidiger als Gefahr erscheint. Doch im Einzelnen kann jede Macht vorübergehend die Konsolidierung ihrer Klientelfraktion unterstützen, solange diese nicht zu eigenständig wird. Der Stellvertreterkonflikt ist daher kein zufälliger, sondern ein funktionaler Zustand: Die Eskalation kann von den Patronen kanalisiert und erstickt gehalten werden.
Jede Kraft außer der Arbeiterklasse füllt das Vakuum unter Fremdpatronat. Die Arbeiterklasse ist die einzige mögliche Ausnahme: Nur sie ist objektiv an einem funktionierenden Reproduktionszusammenhang interessiert, denn ihre materielle Macht Öl und Häfen liegt im Land selbst und bindet sie an die Infrastruktur der Produktion. Alle anderen Fraktionen sind an der Aneignung der Rentenströme interessiert, unabhängig von sozialer Reproduktion. Ob aus dieser Möglichkeit eine reale wird, entscheidet die Organisierung.
Aufgaben einer marxistisch-leninistischen Partei im Irak heute
Zumal müssen wir die aktuelle Situation des Iraks analysieren. Der Abzug der US-Streitkräfte hat keine revolutionäre Situation geschaffen. Es existiert keine Staatskrise. Die US-Streitkräfte verlassen am 30.09.2026 den Irak, jedoch wird das US-Kapital weiterhin im Irak bleiben und die natürlichen Ressourcen des Landes plündern. Währenddessen werden sie jetzt vom irakischen Staat und dessen militärischem sowie polizeilichen und geheimdienstlichen Apparat geschützt. Der Irak übernimmt die Aufgabe. Des Weiteren gibt es keine Mobilisierung der Massen. Ein subjektiver Faktor, die Arbeiterklasse, fehlt sie ist nicht organisiert. Dennoch wechselt der Hauptwiderspruch. Es ist nicht mehr die US-Besatzer gegen das irakische Volk, sondern es ist die Arbeiterklasse gegen die Kompradorenbourgeoisie. In dieser Phase, in der sich der Irak aktuell befindet, ist es die Aufgabe einer marxistisch-leninistischen Arbeiterpartei, nicht die militärische Offensive gegen den Staat zu beginnen, da sie subjektiv zu schwach wäre ohne Massenbasis der Arbeiterklasse, Tiefe und Verankerung in den Betrieben und eine Masse an Mitgliedern, die landesweit agieren und operieren kann.
In der Phase muss sich eine irakische Arbeiter- und Bauernpartei auch der Agitation in den Betrieben und besonders in den Gewerkschaften widmen, auch wenn sie reaktionär sind. Nach Lenin: „Wir können (und müssen) beginnen, den Sozialismus aufzubauen, und zwar nicht aus einem phantastischen und nicht aus einem von uns speziell geschaffenen Menschenmaterial, sondern aus dem Material, das uns der Kapitalismus als Erbteil hinterlassen hat. Das ist sehr schwer, wer will es leugnen, aber jedes andere Herangehen an diese Aufgabe ist so wenig ernst, daß es gar nicht lohnt, davon zu reden. Zu Beginn der Entwicklung des Kapitalismus bedeuteten die Gewerkschaften als Übergang von der Zersplitterung und Hilflosigkeit der Arbeiter zu den Anfängen einer Klassenvereinigung einen riesigen Fortschritt der Arbeiterklasse. Als die höchste Form der Klassenvereinigung der Proletarier, die revolutionäre Partei des Proletariats (die ihren Namen nicht verdient, solange sie es nicht gelernt hat, die Führer mit der Klasse und mit den Massen zu einem Ganzen, zu etwas Untrennbarem zu verbinden), sich herauszubilden anfing, da begannen die Gewerkschaften unvermeidlich gewisse reaktionäre Züge zu offenbaren, eine gewisse zünftlerische Beschränktheit, eine gewisse Neigung zur politischen Indifferenz, eine gewisse Stagnation usw. Aber anders als vermittels der Gewerkschaften, anders als durch ihr Zusammenwirken mit der Partei der Arbeiterklasse ging die Entwicklung des Proletariats nirgendwo in der Welt vor sich und konnte auch nicht vor sich gehen.” (17)
Auch wenn die Bedingungen schwer und ausweglos erscheinen, dürfen wir den Kampf nicht aufgeben. Man muss die Arbeiter begegnen, wo sie sind, und seien die Gewerkschaften noch so reaktionär. In der Basis sind die Arbeiter die, die man erreichen wollen und muss, für den Sieg für die Befreiung des Iraks. 88 % der Staatseinnahmen macht der irakische Ölsektor aus das ist der spezifische Flaschenhals des Iraks, den man so nur in einer Handvoll anderer Länder finden kann, und natürlich die Häfen, in denen das irakische Öl global exportiert wird. Eine marxistisch-leninistische Partei im Irak muss auf jeden Fall die Arbeiter aus diesem Sektor gewinnen. Eine irakische Arbeiterpartei muss die Kontakte in den Basis-Gewerkschaftsmitgliedern suchen und sie agitieren und oder intensiv mit ihnen zusammenarbeiten. Die Ereignisse des Streiks 2007: Die irakischen Arbeiter müssen daraus lernen, aber sich besser vernetzen. Nicht nur im Ölsektor Arbeiter gewinnen, sondern auch die Bauern jedoch ist der Ölsektor essentiell, und diese Arbeiter müssen in eine marxistisch-leninistische Struktur organisiert werden. Nur so können sie den Hebel des Öl-Sektors, der so im Irak fast einzigartig auf dem Planeten ist, maximal nutzen.
Mao lehrte uns schon: „That clique represents the interests of China’s big landlords, big bankers and big compradors. The handful of people forming this reactionary stratum monopolize all the important military, political, economic and cultural organizations under the Kuomintang government.” (15.1) Das gleiche sieht im Irak die Clique um al-Zaidi-Staat sein Kompradoren, die vom US-Kapital verwaltet werden. Die islamistischen Milizen werden vom türkischen und iranischen Kapital finanziert und verwaltet, und die KRG-Gebiete der Kurden finanzieren sich durch ihren eigenen Zugang zu ihren Ölquellen und Vorkommen. Alle sind Fremd- oder Rentenkapital. Durch den Abzug der US-Streitkräfte am 30.09.2026 löst sich der gemeinsame Feind in Form der US-Besatzer auf. Jetzt geht es um die Klassenlinie und den Kampf der irakischen Arbeiter gegen die Kompradorenbourgeoisie. Jedoch muss man potenzielle Bündnisse schließen, mit Arbeitern aus der Basis der Sadristen oder kurdischen Arbeiter auf Massenebene ohne Unterordnung, oder Verlassen des wissenschaftlichen Lehrens des Marxismus-Leninismus.
„Die Diktatur des Proletariats ist der aufopferungsvollste und schonungsloseste Krieg der neuen Klasse gegen einen mächtigeren Feind, gegen die Bourgeoisie, deren Widerstand sich durch ihren Sturz (sei es auch nur in einem Lande) verzehnfacht und deren Macht nicht nur in der Stärke des internationalen Kapitals, in der Stärke und Festigkeit der internationalen Verbindungen der Bourgeoisie besteht, sondern auch in der Macht der Gewohnheit, in der Stärke der Kleinproduktion. Denn Kleinproduktion gibt es auf der Welt leider noch sehr, sehr viel; die Kleinproduktion aber erzeugt unausgesetzt, täglich, stündlich, elementar und im Massenumfang Kapitalismus und Bourgeoisie.” (18)
Durch die Besetzung und der Kriegsjahre im Irak existiert ein großer informeller Sektor, der, solange er existiert, Kapital schafft auch wenn es Kleinproduktion ist, schafft dieser Kapitalismus und Bourgeoisie. Wenn man diesen übersieht, wird er von einer der Fraktionen außerhalb der Arbeiterklasse besetzt sei es den Kurden, Islamisten oder einem anderen Akteur, der durch fremdes Kapital finanziert wird oder sich durch Rentenkapital finanziert. Die Arbeiterklassenpartei im Irak muss unbedingt die Frauenfrage, Landfrage (auch wenn der agrarwirtschaftliche Sektor nur 5 % des Iraks ausmacht (19)), Migrationsfrage und die Selbstbestimmungsfrage des kurdischen Volkes angehen. Nur so kann man Sektierertum vermeiden, das nur die Arbeitermasse schwächt.
Eine weitere Aufgabe einer marxistischen Arbeiterpartei im Irak muss der Internationalismus sein, besonders der Anti-Imperialismus, nicht nur aus den Erfahrungen heraus, wie es ist als Kriegsschauplatz des Imperialismus, sondern als Kampf gegen das Kapital international. Die Arbeiter auf der Welt haben nichts zu verlieren als ihre Ketten und eine Welt zu gewinnen. Jeder Arbeiter auf der Welt, der in einem kapitalistischen System lebt, ist ein Verbündeter im internationalen Kampf gegen das Kapital. Die Arbeiter in den imperialistischen Zentren und die Arbeiter und Bauern in der Peripherie haben denselben Feind das internationale Kapital. Die imperialistischen Konzerne, sei es Nestlé, das in Afrika Grundwasser privatisiert und in Europa versucht, die Löhne seiner Arbeiter zu drücken, oder der Rheinmetall-Waffenkonzern, der den Nahen Osten und deren Kompradorenbourgeoisie mit Waffen versorgt, damit sie Arbeiteraufstände niederschießen kann, während die Arbeiter des Rheinmetall in Kurzarbeit geschickt werden, damit die Aktionäre ihre Gewinne bekommen können als Dividenden.
Der Internationalismus muss immer ein proletarischer Internationalismus sein, der sich mit den Arbeitern und Bauern solidarisiert, nicht mit den bürgerlichen Schichten. Wir in Deutschland können keine marxistisch-leninistische Arbeiterorganisation im Irak aufbauen. Man kann irakischen Arbeiterorganisationen etwas spenden, damit sie ihre Agitation und Aufbau finanzieren können. Jedoch sind die Hilfen aus dem Ausland begrenzt. Ein Beispiel eines Arbeiters, der mehrfach das Land Uganda bereiste, mehrere Jahre die Kultur, Ökonomie, Klassenverhältnisse, natürlichen Ressourcen, Geschichte Ugandas studierte mit Büchern im Eigenstudium, hat mitgeholfen, dort eine marxistisch-leninistische Partei aufzubauen. Natürlich können und werden die wenigsten Arbeiter aus Deutschland den Irak bereisen. Jedoch wenn jeder Arbeiter das Kapital im eigenen Land bekämpfen, hilft es den Arbeitern international. Da das Kapital international agiert, sei es in Streiks auf Gewerkschaften und in der Arbeit als Marxist-Leninist in einer Gewerkschaft, und besonders als Mitglied einer marxistisch-leninistischen Organisation.
Für uns in Deutschland
Der Rückzug der US-Streitkräfte aus dem Irak am 30.09.2026 beweist: Das US-Kapital hat sich überdehnt durch die anhaltende Konfrontation mit dem irakischen Widerstand, den Kosten der regionalen Einkreisung und der inter-imperialistischen Konkurrenz und muss sich zurückziehen. Doch das ist keine Niederlage des US-Kapitals. Im Krieg und in der Politik ist es elastisch: Gebietsverluste zur Neuaufstellung gehören zur imperialistischen Strategie. Das militärische Vakuum, das dabei entsteht, ist eine Möglichkeit, die eine marxistisch-leninistische Organisation für die organisierte Arbeiterklasse nutzen kann.
Der Rückzug darf jedoch nicht als Niederlage des US-Kapitals im Irak interpretiert werden. Das US-Kapital hat nur seine militärischen Aufgaben den Schutz seiner Interessen an den irakischen Staat übergeben. Der irakische Staatsapparat schützt nun militärisch, polizeilich und geheimdienstlich das US-Kapital im Irak. Der Raubbau geht weiter; die Besatzung hört nur auf. Unter keinen Umständen darf man glauben, der Imperialismus ziehe sich von selbst zurück oder könne friedlich besiegt werden. Mao formulierte es unmissverständlich: „The rights the people have won must never be lightly given up but must be defended by fighting” (16.1).
In der aktuellen Phase muss sich eine irakische marxistisch-leninistische Partei nach dem Abzug in den Massen verankern: in den Gewerkschaften, bei den Bauern, denen sie beim Aufbau von Genossenschaften hilft und sie für sich gewinnt. Die irakischen Marxisten-Leninisten müssen sich wie ein Fisch im Wasser in den Arbeiter- und Bauernmassen bewegen denn Geschichte verändert sich nur durch das bewusste Eingreifen der organisierten Arbeiterklasse. Das hat China 1945 bewiesen, und das ist die Lehre, die der Irak 2026 den Marxisten-Leninisten aufgibt.
Für die Marxisten-Leninisten außerhalb des Iraks, die den Arbeitern und Bauern helfen wollen: Der Kampf der Arbeiterklasse ist international. Ein Streik gegen Kurzarbeit bei einem Lebensmittelkonzern, der im Irak Bauern enteignet, hilft den irakischen Bauern. Wer bei Rheinmetall gegen Entlassungen kämpft, kämpft gegen den Konzern, der die Kompradorenbourgeoisie des Nahen Ostens mit Waffen beliefert, damit sie Arbeiteraufstände niederschlagen kann (7). Arbeiter und Bauern außerhalb des Iraks sollten an Streiks teilnehmen, Gewerkschaftsmitglieder werden, Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao lesen, um ihr ideologisches Fundament zu stärken und aktive Mitglieder einer marxistisch-leninistischen Arbeiterorganisation werden. Wir Arbeiter und Bauern in den imperialistischen Zentren kämpfen von innen, die Arbeiter und Bauern der Peripherie von außen derselbe Feind, derselbe Kampf.
Literaturverzeichnis
(1)Mao Tse-tung, „Über den langwierigen Krieg“, Mai 1938, Abschnitt 35: „Die drei Etappen des langwierigen Krieges
(4) https://www.gtai.de/de/trade/china/specials/ki-strategie-1934098
(5) https://www.gtai.de/de/trade/china/specials/neue-seidenstrasse-projekte-1948632
(6) US-Außenministerium: 2025 Investment Climate Statements – Iraq, State.gov
(6.1) „The U.S. International Development Finance Corporation (DFC) has supported U.S. companies in the development of the IKR’s Khor Mor natural gas project, which currently fuels approximately 80 percent of the IKR’s electricity generation.”
(6.2) „…the Iraqi parliament amended the 2023 budget law to allow Baghdad to pay IKR IOCs $16 per barrel…”
(6.3) „Some major international oil companies (IOCs) have sold their interests in Iraqi oil fields or decided against further investments…”
(7) US-Außenministerium: Arms Sales Notification, Federal Register, 17.03.2026 https://www.federalregister.gov/documents/2026/03/17/2026-05138/arms-sales-notification
(7.1) „Implementation … will require the assignment of two additional U.S. Government and five U.S. contractor representatives to Iraq for a duration of five years”
(7.2) „improving its satellite communication capability across the Ministry of Defense’s communication infrastructure”
(7.3) „estimated total cost is $110 million”
(7.4) „duration of five years”, „quarterly program management reviews”
(8) https://www.sueddeutsche.de/politik/fuenf-jahre-abu-ghraib-chronologie-des-folterskandals-1.462901
(9) https://prospect.org/2007/07/03/iraqi-oil-benchmark-giveaway/
(9.1) Prospect: „Iraqi Oil Benchmark Giveaway”, 03.07.2007https://www.sueddeutsche.de/politik/fuenf-jahre-abu-ghraib-chronologie-des-folterskandals-1.462901
(9.2) https://prospect.org/2007/07/03/iraqi-oil-benchmark-giveaway/
(9.3) Prospect: „Iraqi Oil Benchmark Giveaway”, 03.07.2007
“In Iraq, FSC and a commercial court took many decisions in 2022 and 2023 of direct relation to KRG’ oil issues. FSC issued its remarkable decision number 59 on 15 February 2022, settling the appeal launched by the federal government in 2012 against KRG. FSC 59 decision invalidated the legal foundations of the KRG’s oil sector independence and affirmed the federal government’s exclusive powers over oil exports. In item “Ninth” of 59 decision, FSC referred to and elaborated on the American Court verdict: a vindication of that verdict as well as utilizing it as a case of reference.
Moreover, FSC’ January 2023 ruling asserts that the federal government could not legally send funds to the KRG under the terms of the current budget law. The ruling applies to the draft law under consideration, now, by the Parliament as well.
Karkh [district] Commercial Court- KCC, Baghdad, issued rulings in July 2022 annulling the contracts of Norway’s DNO, UK-listed Genel, Canada’s Western Zagros, and the U.S. firm HKN. In October same year, KCC issued further ruling on three more of KRG’ production sharing contracts-PSCs with IOCs of China’s- Addax Petroleum, Canada’s ShaMaran Petroleum, and UK-listed Gulf Keystone, a total of seven annulled of the KRG’s oil contracts with international oil companies.
The Oil Ministry also filed two other lawsuits – including one against Dana Gas, Crescent Petroleum’s sister company and partner in the Pearl consortium – which have not been decided yet.”
(11) https://iraqieconomists.net/en/wp-content/uploads/sites/3/2024/11/How-Much-Iraqi-Oil-is-Significant-.pdf “Iraq has the fourth largest proven crude oil reserves in the world with more
than 145 billion barrels, which represents about 9.24% of the total proven
reserves globally. Iraq produced 4.118 mbpd of crude oil in 2023 as the fifth top
country in the world, which accounted for about 5.62% of the global
production”
(12) https://www.worldbank.org/ext/en/country/iraq
“In 2025, oil accounted for an estimated 53 percent of real GDP, 88 percent of government revenues, and 91 percent of merchandise exports. As a result of the conflict, the blockade of the Strait of Hormuz—through which most of Iraq’s oil transits—has significantly reduced export capacity and slowed production.”
(13) https://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1848/manifest/1-bourprol.htm#note3
“Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen”
Industriall Union: „Iraqi oil workers declare tactical victory in southern strike”, 05.06.2007
(15) Mao Tse-tung: „On Coalition Government”, April 1945, Ausgewählte Werke Band III https://www.marxists.org/reference/archive/mao/selected-works/volume-3/mswv3_25.htm
(16) Mao Tse-tung: „The Situation and Our Policy After the Victory in the War of Resistance Against Japan”, 13. August 1945, Ausgewählte Werke Band IV https://www.marxists.org/reference/archive/mao/selected-works/volume-4/mswv4_01.htm
(16.1) Der Zwangscharakter der Einheitsfront
„During the War of Resistance it launched three large-scale anti-Communist campaigns, in 1940, 1941 and 1943, each time attempting to develop the attack into a country-wide civil war.”
(15.1) Die zwei Linien von Anfang an
„From the very beginning there have been two fronts in China’s War of Resistance, the Kuomintang front and the front of the Liberated Areas.”
(15.2) „…that clique represents the interests of China’s big landlords, big bankers and big compradors. The handful of people forming this reactionary stratum monopolize all the important military, political, economic and cultural organizations under the Kuomintang government.”
(16.2) We don’t want civil war. However, if Chiang Kai-shek insists on forcing civil war on the Chinese people, the only thing we can do is to take up arms and fight him in self-defence… This will be a civil war he forces on us.”
(16.3)„The rights the people have won must never be lightly given up but must be defended by fighting… let no one think that the people can be easily robbed or defrauded of the rights they have won; that is impossible.”
(16.4) „It is up to us to organize the people. As for the reactionaries in China, it is up to us to organize the people to overthrow them. Everything reactionary is the same; if you don’t hit it, it won’t fall.”
Wladimir Iljitsch Lenin Der „Linke Radikalismus“,die Kinderkrankheit im Kommunismus
(17) „Zu Beginn der Entwicklung des Kapitalismus bedeuteten die Gewerkschaften als Übergang von der Zersplitterung und Hilflosigkeit der Arbeiter zu den Anfängen einer Klassenvereinigung einen riesigen Fortschritt der Arbeiterklasse. Als die höchste Form der Klassenvereinigung der Proletarier, die revolutionäre Partei des Proletariats (die ihren Namen nicht verdient, solange sie es nicht gelernt hat, die Führer mit der Klasse und mit den Massen zu einem Ganzen, zu etwas Untrennbarem zu verbinden), sich herauszubilden anfing, da begannen die Gewerkschaften unvermeidlich gewisse reaktionäre Züge zu offenbaren, eine gewisse zünftlerische Beschränktheit, eine gewisse Neigung zur politischen Indifferenz, eine gewisse Stagnation usw. Aber anders als vermittels der Gewerkschaften, anders als durch ihr Zusammenwirken mit der Partei der Arbeiterklasse ging die Entwicklung des Proletariats nirgendwo in der Welt vor sich und konnte auch nicht vor sich gehen. “
(18) “Die Diktatur des Proletariats ist der aufopferungsvollste und schonungsloseste Krieg der neuen Klasse gegen einen mächtigeren Feind, gegen die Bourgeoisie, deren Widerstand sich durch ihren Sturz (sei es auch nur in einem Lande) verzehnfacht und deren Macht nicht nur in der Stärke des internationalen Kapitals, in der Stärke und Festigkeit der internationalen Verbindungen der Bourgeoisie besteht, sondern auch in der Macht der Gewohnheit, in der Stärke der Kleinproduktion. Denn Kleinproduktion gibt es auf der Welt leider noch sehr, sehr viel; die Kleinproduktion aber erzeugt unausgesetzt, täglich, stündlich, elementar und im Massenumfang Kapitalismus und Bourgeoisie.”
„Iraq has historically been home to agriculture-based societies owing to its fabled fertile soil. Even as oil has dominated the Iraqi economy in the modern era, agriculture accounted for almost a fifth of the gross domestic product (GDP) as recently as 1995. But decades of war, sanctions, governmental mismanagement, climate change, and increasing water scarcity have decimated agricultural output. Today, the sector accounts for a mere 5% of Iraq’s GDP.“
(20) https://archiv.redflag.ps/Mao_Zedong:_Probleme_Des_Krieges_Und_Der_Strategie
“Der einzige Krieg, den die Partei braucht, ist der Bürgerkrieg, auf den sie sich vorbereitet.Aber solange die Bourgeoisie nicht wirklich versagt hat, solange die Mehrheit des Proletariats nicht von der Entschlossenheit durchdrungen ist, den bewaffneten Aufstand zu beginnen und den Bürgerkrieg zu führen, solange die Bauernmassen dem Proletariat nicht freiwillig zu helfen beginnen, soll man den bewaffneten Aufstand und den Bürgerkrieg nicht beginnen. Und wenn die Zeit für Aufstand und Krieg gekommen ist, bemächtigt man sich in erster Linie der Städte und führt dann erst den Angriff gegen die Dörfer und nicht umgekehrt.”
(21)
https://www.resilience.org/stories/2007-05-25/oil-producers-may-25/
“Ben Lando, UPI
Iraq’s oil unions aren’t shutting off the crude taps yet, awaiting a response from the prime minister on demands, which include opposition to the draft oil law, before striking.
A strike would signal the unions’ power among Iraq’s political leadership in Baghdad, whose coffers are filled nearly completely by oil sales, and add another voice to the disgruntled reaction to the law. And it would take 1.6 million barrels per day from the global market, tightening a supply that has already pushed the price to around $71 per barrel.
The law would govern Iraq’s 115 billion barrels of proven reserves, more than every country but Saudi Arabia and Iran, dictating the rights of foreign companies in what has been a nationalized system for three decades.
Hassan Jumaa Awad, president of the Iraqi Federation of Oil Unions, an umbrella group representing more than 26,000 workers, said their complaints with the law rest primarily on the fear foreign companies will have too much access to — and possibly ownership of — Iraq’s oil.
(24 May 2007)”
https://www.marxists.org/reference/archive/mao/selected-works/volume-4/mswv4_01.htm
“„The people. The ruling Kuomintang hasn’t given us any power” (22)