Interview anlässlich des zweiten Jahrestages der Gründung der CLU

Heute berichtet uns Genosse Wubulixi als überzeugter Arbeiter und Marxist-Leninist von seiner jüngsten Reise nach Uganda. Er hat die Region bereits mehrfach bereist. Und auf seinen Reise sehr tiefe Einblicke in die Kulturellen sowie Gesellschaftlichen, Politischen, Wirtschaftliche Dynamiken Uganda gewinnen können.

Statt touristischer Highlights sucht Genosse Wubulixi gezielt die ländlichen Regionen und die verarmten Viertel der Großstädte auf. Er sucht gezielt die Gespräche mit den Bauern auf den Land, den Händler in den Dörfern und Beamten in den Städten. Liest wirtschaftliche berichte aus Archiven und Bibliotheken. Dort analysiert er die konkreten ökonomischen Verhältnisse, die Folgen ausländischer Kapitalexporte – etwa durch chinesische Akteure – sowie die Klassenstruktur der ugandischen Gesellschaft.

Von den Anwohnern oft als Muzungu bezeichnet, begegnet ihm die Bevölkerung mit Neugier. Im heutigen Gespräch blicken wir hinter diese oberflächlichen Eindrücke und sprechen über die materiellen Lebensbedingungen der Arbeiterschaft, die inneren gesellschaftlichen Widersprüche Ugandas sowie die konkrete organisatorische Praxis vor Ort die Bauern und Arbeiter zu organisieren.

Der Gründungsprozess und die Rolle des „externen Ideologen”

Kalonji Nsala: Genosse Wubulixi, du hast Uganda mehrfach bereist bewusst fernab der touristischen Zentren, stattdessen in ländlichen Regionen und verarmten Vierteln der Großstädte. Du suchtest das Gespräch mit Bauern, Kleinhandelern, Beamten. Diese Praxis entspricht der marxistischen Methode: aus der konkreten materiellen Realität analysieren, nicht aus abstrakten Dogmen.

Aus diesem Unmut heraus, den du bei Arbeitern und Bauern wahrgenommen hast – warum gerade du als Europäer diese Brücke schlugst? Die wenigsten aus dem imperialistischen Zentrum gehen in die Peripherie, um dort Klassenbewusstsein zu schaffen. Ist dies für dich die praktische Definition von proletarischem Internationalismus, oder siehst du darin eine historische Notwendigkeit angesichts der globalen Kapitalverwertung?

Wubulixi: Für mich ist diese Frage zu sehr auf meine Person fixiert. Wir alle sollten tun, was wir können, um unseren Beitrag zur Weltrevolution zu leisten. Dafür ist ist unerheblich, wo wir uns auf der Welt aufhalten. Wie bekannt ist, kam ich ursprünglich nach Uganda wegen Hilfsprojekten. Der Kontakt zu den Werktätigen und die Entstehung der CLU sind sozusagen ein “Nebenprodukt”.

Kalonji Nsala: Bei deinen Besuchen triffst du auf junge Arbeiter, Bauern, Studenten. Durch deine Anleitung formierten sie sich zur Communist League of Uganda (CLU), nun offiziell als Partei. Hier stellt sich ein klassisches Problem revolutionärer Bewegungen:

Wie war der Anteil externen Impulses versus eigenem Klassenbewusstsein? Ohne diese Unterscheidung riskiert man Sektenbildung statt Massenpartei. Wie würdest du den Prozess beschreiben – war es deine Agenda, die die CLU prägte, oder warst du eher Katalysator für bereits vorhandene Widersprüche?

Wubulixi: Wären die Bedingungen zur Parteigründung nicht vorhanden gewesen, hätte ich mich vergeblich bemüht. Es gibt eine aktive sozialistische Linke in Uganda, aber sie ist bei der UPC im linken Flügel aktiv oder in der NUP. Ich habe lediglich den Anstoß dazu gegeben, eine eigene Partei zu gründen und ihnen dabei geholfen, einen marxistischen Kurs zu finden. Bei der Bildungsarbeit war externes Know-How ihnen sehr nützlich. Nun besitzt die CLU auch selbst einen gebildeten Führungskopf.

Errungenschaften unter Repression

Kalonji Nsala: Uganda war seit seiner Gründung kein Rechtsstaat im bürgerlichen Sinne. Agitation mit Klassenstandpunkt ist hier physisch gefährlich – Klassenkampf ist nie bloßes Wort im ML-Kaderhandbuch, sondern konkret. Welche Etappensiege konnte die CLU trotz dieser Bedingungen erzielen? Wie viele Mitglieder, organisierte Regionen, konkrete Erfolge in Arbeitskämpfen?

Wubulixi: Das sind Punkte, die ich aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich beantworten kann. Ich kann nur sagen: Die CLU ist weit gekommen dafür, dass sie gerade erst ihren zweiten Jahrestag absolviert hat.

Historische Einordnung und Parteiprogramm

Kalonji Nsala: Auf dem afrikanischen Kontinent existieren wenige marxistisch-leninistische Parteien. In Europa haben wir sie häufiger, auch wenn oft nur nominell. Afrika hatte Sozialismus-Versuche in Angola, Mosambik, Somalia, Ghana, Mali, Burkina Faso, Tansania – manche endeten wieder im Kapitalismus, andere in militärischer Niederlage. Welche Lehren zieht die CLU aus diesen historischen Erfahrungen?

Wubulixi: Die CLU lernt vor allem von Nkrumahs Ghana, Sankaras Burkina Faso und natürlich Obotes Uganda als positive Beispiele. Aus diesen Beispielen wird die Schlussfolgerung gezogen, die Militärpolitik ernster zu nehmen und die Armee stärker durch Parteiorgane zu überwachen.

Parteiaufbau und Struktur

Kalonji Nsala: Genosse Wubulixi, jede Partei neuen Typs steht vor der Frage nach der richtigen Organisationsform zu locker, und sie zerfällt in Diskussionszirkel; zu zentralistisch ohne Basisdemokratie, und sie erstickt die Initiative der Massen. Lenin betonte, dass die Organisationsform nicht vom Kopf der Theoretiker kommt, sondern aus den konkreten Bedingungen des Klassenkampfes legal oder illegal, städtisch oder ländlich geprägt.

Wie ist die CLU organisiert? Demokratischer Zentralismus, Zellen- oder Territorialprinzip? Wie funktioniert die Verbindung zwischen ländlichen Strukturen und städtischen ?

Wubulixi: Die CLU ist nach dem demokratischen Zentralismus organisiert. Das heißt, dass das Zentrale Organisationskomitee (COC) an der Spitze der Partei steht, darunter die Branch-Komitees und darunter die Parteizellen.

Die Struktur ist territorial in eine westliche, zentrale, nördliche und östliche Branch gegliedert als Regionslorganisationen.

Die städtischen und ländlichen Parteizellen werden durch das jeweilige Branch-Komitee koordiniert.

Kalonji Nsala: Wir wissen aus der Geschichte, dass eine revolutionäre Partei nicht die Arbeiterklasse ersetzt, sondern ihr Bewusstsein organisiert. Die Bolschewiki verstanden es, in Gewerkschaften, Soldatenräten und Bauernkomitees zu arbeiten, ohne sich in ihnen aufzulösen. Gerade in einem Land wie Uganda, wo Gewerkschaften oft staatlich kanalisiert sind, ist dieses Verhältnis entscheidend.

Wie ist das Verhältnis von Parteimitgliedschaft zu Sympathisanten-Massenorganisationen – Gewerkschaften, Bauernverbände, Jugend- und Studentenligen?

Wubulixi: Ich kann dazu keine genauen Angaben machen. Fakt ist jedoch, dass die CLU sich derzeit hauptsächlich aus Teilen der urbanen Arbeiterklasse und Studentenschaft, also Intelligenzija, rekrutiert.

Kalonji Nsala: Marxistische Analyse beginnt immer mit dem Bestimmen des Hauptwiderspruchs. Ohne diesen Kompass läuft man blind. Was ist aus Sicht der CLU der Hauptwiderspruch in Uganda – die Fortdauer halbkolonialer Abhängigkeit, der Widerspruch Stadt-Land, oder Klassenwiderspruch innerhalb der ugandischen Gesellschaft selbst?

Wubulixi: Der Primärwiderspruch innerhalb Ugandas ist der zwischen der Arbeiterklasse und der werktätigen Bauernschaft und der Bourgeoisie und den Großgrundbesitzern. Der äußere Primärwiderspruch ist der zwischen Uganda und den imperialistischen Staaten, die es ausbeuten.

Kalonji Nsala: Die doppelte Unterdrückung der Frau ist kein Nebenwiderspruch, sondern durchzieht die gesamte ökonomische Struktur – in Uganda besonders sichtbar: Frauen tragen den größten Teil der landwirtschaftlichen Arbeit, verfügen aber kaum über Landtitel und formelle Beschäftigung. Eine Partei, die die Hälfte der Unterdrückten nicht organisiert, organisiert niemanden ernsthaft.

Frauenanteil und spezifische Frauenarbeit – welche konkreten Widersprüche wie Landrechte, informelle Arbeit und häusliche Reproduktionsarbeit adressiert die Partei?

Wubulixi: Ein großes Problem ist die Armut unter alleinerziehenden Frauen und die Lage von vergewaltigten Frauen (Vergewaltigungen sind in Uganda alltäglich in den Slums). Diese Probleme hat die CLU im Blick und ist entsprechend in Kontakt v.a. mit Kleinhändlerinnen.

Etappen-Theorie und revolutionäre Strategie

Kalonji Nsala: Uganda ist ein Binnenland ohne nennenswerte industrielle Basis. Das formelle Proletariat ist klein – die Mehrheit der Bevölkerung lebt kleinbäuerlich oder im informellen Sektor. Nach klassischer marxistischer Auffassung entsteht revolutionäres Bewusstsein primär im industriellen Proletariat, gebunden an die Vergesellschaftung der Produktion. Uganda widerspricht diesem Schema: Vergesellschaftung existiert kaum, zerstreute Kleinproduktion dominiert. Mao war vor einem ähnlichen Problem in China und entwickelte die Theorie der umzingelten Basengebiete – der Krieg der Bauern. Welche Etappen-Theorie vertritt die CLU konkret? Welcher Klasse schreibt die CLU die historische Mission zu – dem städtischen Lohnproletariat, der Bauernschaft, oder einer Arbeiter-Bauern-Allianz unter Führung der Partei in den Fall der CLU? Und was ist in dieser Konstellation die Rolle des Staates und der städtischen Massen?

Wubulixi: Die CLU vertritt die Notwendigkeit der National-Demokratischen Revolution unter Führung der Arbeiterklasse mit der Bauernschaft, dem Kleinbürgertum und der nationalen Bourgeoisie als Bündnispartner als erste Etappe. Diese Etappe kann auch als Volksdemokratie oder Neue Demokratie bezeichnet werden. Im Anschluss daran folgt der Übergang in die zweite Etappe: Die sozialistische Revolution. In dieser wird die nationale Bourgeoisie ausgekauft und die Bauern sowie das Kleinbürgertum in Genossenschaften organisiert.

Kalonji Nsala: Für Uganda ist die Agrarfrage die Kernfrage jeder Revolution – über 70 Prozent der Bevölkerung leben vom Land, und die Landnahme durch ausländisches Kapital schreitet voran: chinesische Agro-Konzerne, indische Familienklans, Golfstaaten-Fonds, die fruchtbares Land pachten. Diese Expropriation schafft ein landloses Proletariat ohne Industriearbeitsplätze – ein explosiver Widerspruch, ähnlich dem, den die Zapisten oder die MST in Brasilien konfrontieren. Es ist also kein Randthema, sondern der zentrale materielle Konflikt. Wie positioniert sich die CLU konkret zur Landfrage? Unterstützt die CLU die kleinbäuerliche Produktion gegen die Landnehmer, oder seht man in ihr ein zu überwindendes Stadium? Ist Kollektivierung für die CLU Fernziel oder bereits aktuelle Losung in der Agitation? Und wie steht ihr zur Debatte zwischen „Land an die, die es bearbeiten” und einer staatlich gelenkten Agrarökonomie?

Wubulixi: Die CLU spricht sich gegen die Landnahme durch die Großkonzerne aus und unterstützt die Gründung von Genossenschaften. Die Mittel der Partei sind jedoch beschränkt und sie ist, wie bereits erwähnt, derzeit eher urban organisiert. Entsprechend gering ist die Handhabe auf dem Lande.

Kalonji Nsala: Theorie ohne Massenverständnis bleibt buchstäblich auf den Papier der akademischen Kreise. Mao sagte: Der Marxismus hat viele Jahre gebraucht, um vom gelehrten Deutsch der Philosophen in die Sprache der chinesischen Bauern übersetzt zu werden. In Uganda mit seiner Mehrsprachigkeit und den unterschiedlichen Bildungszugängen stellt sich diese Frage gleich doppelt.

Welche Rolle spielt politische Bildung, und in welchen Sprachen – Luganda, Swahili, Englisch? Wie wird marxistisch-leninistische Literatur zugänglich gemacht?

Wubulixi: Die CLU verbreitet vor allem den “Marxismus-Leninismus-Maoismus Grundkurs” als Lehrbuch, neben Grundwerken der marxistischen Klassiker. Swahili spricht in Uganda fast niemand; Uganda ist nicht Kenia oder Tansania. Die Bücher sind auf Englisch, Schulungsvorträge erfolgen meist in den Lokalsprachen. Luganda ist lediglich eine von vielen Lokalsprachen. Einige Literatur existieet auf Luganda, aber selbst unter den Luganda-Muttersprachlern wurde stets englischsprachige Literatur bisher bevorzugt. Englisch ist nicht bloß nationale Amtssprache, sondern gilt als DIE Bildungssprache schlechthin.

Kalonji Nsala: Finanzielle Abhängigkeit ist ideologische Abhängigkeit. Wir kennen die Geschichte: Wer von NGOs, Stiftungen oder ausländischen Gebern bezahlt wird, dessen Linie wird von diesen mitbestimmt. Viele sogenannte linke Bewegungen auf dem afrikanischen Kontinent wurden durch Entwicklungsgelder korrumpiert und entschärft. Deshalb ist die Finanzierungsfrage keine Nebensache, sondern eine Frage der Parteit Linie.

Wie finanziert sich die Partei – Mitgliedsbeiträge, Arbeiterspenden? Welche Unabhängigkeit besteht gegenüber NGOs, kirchlichen Netzwerken, ausländischen Geldgebern?

Wubulixi: Die CLU nimmt eigene Mitgliedsbeiträge ein, ist aber auch erfreut über Spenden, da ihr Budget erdenklich knapp ist. Mehr ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Kalonji Nsala: Keine nationale Revolution steht isoliert, besonders nicht auf dem afrikanischen Kontinent. Gibt es Beziehungen zu marxistisch-leninistischen Parteien der Region – Kenia, Tansania, DR Kongo? Existiert regionale Koordination?

Wubulixi: Die CLU unterhält offizielle Beziehungen zur CPMK in Kenia und zur CPSS in Südsudan. Es gibt Kontakte nach Tansania, aber diese sind zu Einzelpersonen, da es dort keine kommunistische Partei gibt.

Kalonji Nsala: Dieser Punkt berührt direkt unsere eigene Position. Der proletarische Internationalismus unterscheidet uns von bürgerlichem Nationalismus. Was bedeutet praktischer Internationalismus zwischen einer Partei im imperialistischen Deutschland und einer im abhängigen Uganda – Patenschaften, theoretischer Austausch, materielle Solidarität?

Wubulixi: Es sollte natürlich ein ideologischer Austausch sein und materielle Solidarität, keine Frage. Es sollte aber vor allem ein Stück Freundschaft zwischen unseren Völkern sein und entsprechend persönliche Kontakte beinhalten. Proletarischer Internationalismus muss aktiv gelebt werden. Ihn bloß in Deklarationen zu beschwören, ist inhaltsleer.

Arbeitsweisen

Kalonji Nsala: Aus deinen Reisen weißt du: Der Unmut der Massen in Uganda ist allgegenwärtig – in den Steuern, den Landvertreibungen, den prekären Arbeitsverhältnissen. Doch Unmut allein ist noch keine Politik. Die Frage ist, wie aus spontanen Bewegungen organisierter Kampf wird – oder ob die Communist League of Uganda (CLU) selbst an der Spitze solcher Kämpfe steht.

Wie werden Streiks, Landkonflikte oder Steuerproteste aufgegriffen? Führte die Partei selbst Kämpfe an oder beteiligt sie sich an spontanen Bewegungen?

Wubulixi: Die CLU beteiligte sich in der Vergangenheit an Protestbewegungen der NUP. Ihr erster eigenständiger Protest war der gegen den Abriss des Slums Banda in Kampala, der zur Festnahme einer Reihe von Genossen führte, aber den Massen vor Ort zeigte, dass man sie nicht kampflos im Stich lässt.

Kalonji Nsala: Zum Schluss noch etwas Konkretes: Welche Etappenziele habt ihr euch für die nächsten ein bis zwei Jahre gesetzt – Mitgliederzahl, organisierte Regionen, konkrete Forderungen?

Wubulixi: Der Fokus der CLU steht derzeit, wie ihr Vorsitzender ausdrückte, in der Bewegung “mobilisieren – bilden – rekrutieren – ausführen”1. Es geht dabei um die Mobilisierung von Sympathisanten, die Ausweitung der ideologischen Bildungsarbeit, das Wachstum von Kaderstrukturen und das Ausführen von Parteibeschlüssen.

Entsprechend wird die CLU versuchen, sich eine tiefere und breitflächigere Massenbasis zu schaffen. Die bevorstehenden Delegiertenkonferenzen auf Ebene der Branches werden dazu ihren Beitrag leisten.

Danke für das ausführliche Gespräch und deine Einschätzung und Analysen zu Uganda und der CLU, die Genossen in Uganda und Deutschland.

Rotfront!

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