Moralismus und Law and Order – Bürgerliche Bewusstseinsvermittlung am Beispiel von TKKG

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Anhand des Titels könnte man meinen, dass es sich doch bloß um eine Hör-CD-Serie für Kinder handelt und die Frage danach stellen, was das für uns Erwachsene für einen Nutzen haben soll. Nun, es hat einen Nutzen, denn die bürgerliche Prägung des Bewusstseins fällt nicht in einem bestimmten Alter vom Himmel, sondern wird von klein auf betrieben. Jeder Mensch ist erst Kind, dann Erwachsener, dann alt und am Schluss tot. In der Kindheit und Jugend haben sicherlich einige von uns TKKG gehört, immerhin gibt es diese Serie seit den 80er Jahren und wurde millionenfach verkauft. Auch ich habe früher mir die CDs angehört und wurde somit davon beeinflusst. Jahrelang macht man sich keine Gedanken über solche Selbstverständlichkeiten der eigenen Kindheit. Später, wenn man zu Bewusstsein über sein Leben erlangt ist, beginnt man zu reflektieren. Ob bewusst oder unterbewusst trägt das eine, wenn nicht gar zwei Generationen, mit sich im Kopf herum, neben all den anderen Mitteln der ideologischen Beeinflussung. Das hier kann natürlich keine vollständige Analyse aller Aspekte liefern, aber des wesentlichen Kerns der Anschauungen, die die TKKG-Serie verbreitet: Bürgerlicher Moralismus, was die Taten betrifft und dass das bürgerliche Recht immer recht habe. Das hämmern sie nicht offen ein, sondern per unterbewusster Beeinflussung, durch die scheinbare „Normalität“ der Fälle im Alltag eines kapitalistischen Landes.

In der Serie fällt auf, wie wenig repräsentativ die Charaktere von TKKG eigentlich sind für die Gesellschaft, sowohl von der Herkunft, als auch von deren Denkweise. Tim ist ein durchtrainierter Muskelprotz, dessen familiäre Herkunft in der Serie praktisch unklar bleibt. Lediglich kommt seine Mutter in einer Folge vor (laut Wiki soll sein Vater Ingenieur gewesen sein und gestorben sein, als er klein war; aber das spielt in der Handlung nie eine Rolle). Karl ist Sohn eines Physikprofessors und bei seiner Mutter ist unklar, welchen Beruf sie hat (in späteren Folgen, die ich mir nicht angehört habe, soll sie eine selbstständige Apothekerin sein; es ist davon auszugehen, dass sie in den 80ern als Hausfrau betrachtet worden ist, weil das damals noch gesellschaftliche Normalität in der BRD gewesen ist, auch wenn das nicht mehr ganz dem Usus entsprach). Klößchen (Willi) ist ein übergewichtiger Sohn eines Schokoladenfabrikanten, also eines Großkapitalisten. Gaby ist Tochter eines Oberkommissars der Polizei. Zusammengefasst hat man bei ihnen oberes Proletariat, Kleinbourgeoisie, Arbeiteraristokratie und sogar Großkapital vereint als familiäre Hintergründe. Für eine Gesellschaft, mit immenser Bevölkerung aus der Arbeiterklasse, die nicht in dieser sozialen Liga spielt, ist eine solche soziale Komposition absolut abgehoben von der Klassenzusammensetzung der deutschen Gesellschaft und somit nicht repräsentativ. Es wird eher die „mittelständische Gesellschaft“ gezeigt, die die Bourgeoisie immer als den Normaltypus auf allen Kanälen propagiert, als die Realität der deutschen Nation unter dem Kapitalismus.

Der Knackpunkt der Serie an sich ist, dass zum einen die Charaktere überzeichnet sind, zum einen TKKG als sozusagen „Musterstaatsbürger“, auf der anderen Seite Kriminelle, die jedes erdenkliche Klischee erfüllen: Ein Schulversager als Drogendealer, Zigeuner als Bandenkriminelle1, ein polnischer Ex-Geheimdienstmann, der das Klischee des „bösen KGB-Agenten“ aus Filmen bedient und so weiter. Insgesamt setzt TKKG bei Klischees an, verstärkt diese in den Geschichten durch Übertreibung und dient dabei langfristig der Verfestigung dieser. Die Serie scheint nach dem Motto „Die Menge macht das Gift“ zu funktionieren, davon zu leben, dass man möglichst viele Folgen anhört und unterbewusst etwas hängen bleibt. Guckt man sich den Inhalt von einigen Folgen an, so findet man dort bürgerlichen Moralismus, wie im Struwwelpeter, als eine Art Karma und auf der anderen Seite Law and Order für das bestehende System. Dennoch ist eine Attacke von Identitätspolitikern darauf auch nicht gerechtfertigt, wie hier bei Bento2. Man kann Punkt 1 zu einem gewissen Grad zustimmen, dass es veraltete Rollenklischees auch bei Frauen gibt, wobei Gaby eine starke Persönlichkeit ist, auch wenn sie von den Jungen aus ihrer Gruppe in gefährlichen Situationen gerne besonders in Schutz genommen wird. Dabei ist jedoch zu beachten, dass Tim und Gaby ein Liebespaar sind, was es noch merkwürdiger machen würde, wenn er sie nicht beschützen wollte. Punkt 2 jedoch ist nicht richtig, denn die meisten Täter sind so nicht zu fassen durch Racial Profiling, denn sie sind oft als „deutsch und dumm“ dargestellt, wie einer der Drogenhändler der sagte, er hätte in Erkunde „eine gute 4-“ gehabt3 oder wo es eine Drohung der „Horde vom Balkan“ gab, die TKKG als eine Finte durch deutsche Täter (mal wieder Drogenschmuggler) frühzeitig enttarnten4. Punkt 3 ist bloß eine Wiederholung von Punkt 2. Punkt 4 ist bloß ein Aufregen über die harsche Sprache Obdachlose als „Penner“ zu bezeichnen, wie es eben unter Jugendlichen authentisch ist. Über die herablassende Darstellung von Obdachlosen als Alkoholikern, die selbstverschuldet so geendet sind, wird sich in dem Artikel jedoch nicht aufgeregt. Dabei ist doch genau das das eigentliche Problem, nicht die harsche Sprache. Punkt 5 ist die allseits bekannte bürgerliche Heuchelei, dass jegliche Gewalt „böse“ sei und es nicht die Frage der Umstände wäre. Bei Bento nicht einmal das, sondern bloß eine Gelegenheit Punkt 2 nochmals zu wiederholen. Punkt 6 ist Punkt 2 nur mit dem Vorwurf von „konservativen Konformismus“ gegenüber „Punks und Kiffern“. Man muss fairerweise sagen, dass nicht alle Punker Kiffer sind. Dass Drogenkonsum Menschen in einen geistig unzurechnungsfähigen Zustand versetzt und abhängig macht, das ist offenbar für Bento „konservativer Konformismus“. Die meisten Punker sind apolitisch, für Bento offenbar jedoch nicht. Punkt 7 ist typisches „Bodyshaming“. Bento attackiert die TKKG-Serie dafür, dass über Klößchen wegen seinem Übergewicht durch übermäßigen Verzehr von Schokolade von seinen Freunden aufgezogen wird. Dabei könnte man eher argumentieren, dass sie damit ihrer Freundschaft mehr nachkommen, als solchen, die ihn nicht auf ungesunde, somit schädliche Gewohnheiten hinweisen würden. Das ist Ausdruck von Sorge, nicht von „Mobbing“. Dazu würden Beleidigungen, nicht bloß Anspielungen gehören. Behaupte ich, dass in der TKKG-Serie alle Gesellschaftsgruppen also richtig dargestellt werden? Nein, absolut nicht. Es wird oft auf Stereotype zurückgegriffen, aber nicht in einer so extremen Weise. Für Identitätspolitiker ist natürlich jede noch so kleine Äußerung gegen die „politische Korrektheit“ ein Sündenfall. Dabei ist auch die Realität ein dauerhafter „Sündenfall“. Es gibt armenische Straßengangs. Identitätspolitiker würden das sicherlich abstreiten als „Ausländerfeindlichkeit“, obwohl es nicht gegen Armenier per se und nicht einmal gegen eine Mehrheit der Armenier gerichtet ist. Faktisch sehen es Identitätspolitiker als „links“ an, wenn man gesellschaftliche Probleme ignoriert, besonders deren Hintergründe. Die Armut von Migranten, die eine doppelte Last haben, zum einen Prolet zu sein, zum anderen in einem fremden Land, die sie in Berufskriminalität führt, um zu überleben, wird übergangen, weil es nicht in das idealistische Weltbild der Identitätspolitiker passt. Und natürlich gibt es auch Deutsche unter Berufskriminellen. Bei ihnen wirkt zwar weniger das mangelndes Sprachverständnis, aber dennoch die einem jeden Proleten drohende Arbeitslosigkeit. Warum ein so langes Beispiel? Weil die Zigeunerbande in „Schatz der Drachenhöhle“ hier reinpasst und weil praktisch Punkt 2 zigfach vorkommt in verschiedener Form, es also den Hauptvorwurf von Bento gegen TKKG bildet. Bandenkriminalität kommt bei TKKG, wie erwähnt, häufiger vor und meist sind es deutsche Banden. Die Vorwürfe von Bento sind typisch für jene, die keine wissenschaftlich erfassbaren gesellschaftlichen Triebkräfte anerkennen und der darauf basierenden Lage, sondern nach der größten Minderheitenschnittmenge sozusagen ein „Superopfer“ sich raussuchen, statt Taten und deren Hintergründe zu betrachten und dafür Lösungen zu finden. Sowas nützt nicht nur nicht den betroffenen Personen, weil ihre sozioökonomische Lage sich keineswegs verbessert, sie werden sogar faktisch entmündigt, weil sie aufgrund der Minderheitenschnittmenge wie ein Kleinkind für nicht zurechnungsfähig abgestempelt werden, obwohl sie es sind. Nun genug zur Rezension von TKKG durch Identitätspolitiker. Jetzt zu einigen Beispielen aus der Hörspielserie.

In einer Folge versucht der Konkurrent von Sauerlich seine Schokolade mit Abführmittel zu versetzen, um ihn vom Markt zu drängen5. Am Ende der Episode siegt die bürgerliche Moral vom „fairen Wettbewerb“, obwohl in der Realität ständig schmutzige Tricks zur Maximierung der Profite angewendet werden. Es ist nie die Rede von den Arbeitern in Sauerlichs Fabrik, lediglich, wenn er mal überfallen werden sollte, kommt TKKG ihm zu Hilfe, so auch in der ersten Folge der Serie überhaupt, als Kunstdiebe in die Villa der Sauerlichs einbrechen wollten6. Nicht anders sieht es in der Folge7 aus, wo ein Entführer das Baby der Industriellenfamilie Eichberg entführt, wovon TKKG mitbekam, als sie davon erfuhren, dass ihre Tochter Parfüm aus einem Kaufhaus gestohlen hatte, wofür sie nicht zur Rechenschaft gezogen worden ist übrigens, wie man es sonst erwarten könnte. Außerdem wirkt dieser Kaufhausdiebstahl durch eine Tochter einer so reichen Familie absurd, es sei denn, sie bekäme gar kein Taschengeld oder alles von ihren Eltern bezahlt, was sie sich wünscht. Es bestand keine materielle Notwendigkeit dafür. Letztendlich wurde dies nur dafür benutzt, um TKKG überhaupt storymäßig in Kontakt zur Familie Eichberg zu bringen, mit der sie sonst keinen Kontakt bekämen. Ein in der Realität völlig unglaubwürdiges geskriptetes Ereignis, um eine Überleitung zu konstruieren in der Story. Jedenfalls verlangte der Entführer des Babys ein hohes Lösegeld, aber Tim schlug vor, zu behaupten, der Entführer habe das Baby der Haushaltskraft der Eichbergs, Pia Friese, entführt, die sehr arm ist. Der Bluff klappte und der Kapitalist Eichberg sparte das Lösegeld. Er gab lediglich TKKG eine Belohnung, welche sie an Pia Friese weitergaben, weil sie ein geringes Einkommen und praktisch keine Ersparnisse hat, wie in der Folge klar wird. Die Armut dieser Frau wird nur am Rande behandelt und sogar ausgenutzt, um den Entführer zu täuschen. Lediglich wurden ihr ein paar Almosen gegeben. Und das, obwohl sie für einen Großkapitalisten die Haushaltskraft ist! Wie wenig sich um das Detail der Armut gekümmert wurde, zeigt, dass Friese und die Eichbergs den „gleichen Kinderwagen“ hätten. Entweder benutzen die Eichbergs einen billigen Kinderwagen in dieser Folge, sie haben Pia Friese einen teuren Kinderwagen spendiert, obwohl sie ihr sonst kaum eine Mark bezahlen oder der Autor des Drehbuches hat gar keine Vorstellung davon, wie materielle Nöte von armen Werktätigen aussehen. Widersprüchlich und wieder einmal eine Rettung eines Kapitalisten durch TKKG.

Eine Folge machte Angst vor der „Brigade Staatsfeind“8, welche eine Anspielung auf die RAF darstellte, die damals noch aktiv gewesen ist. Die RAF hatte putschistische Fehler begangen, sich von den Massen getrennt und es nicht als nötig empfunden sie zu organisieren. Dennoch hatten sie gewisse Ideale. Dieser „Brigade Staatsfeind“ bei TKKG, die eine Kopie davon innerhalb der Serie sein sollte, fehlt jeglicher Inhalt. Es wird überhaupt nicht klar, warum sie existieren, sondern sie nehmen einfach so das ganze Internat in Geiselhaft. Bürgerlicher Moralismus vom feinsten und zeigt sehr klar, wie wenig Tiefe die Serie besitzt. „Täter weil böse“ – mehr bietet TKKG nicht.

Das wird in der Folge nicht besser, wo das Klischee vom „bösen KGB-Agenten“ aufgezogen wird anhand eines polnischen Ex-Geheimdienstmitarbeiters, der Menschenhandel mit billigen polnischen Putzfrauen betreibt und aus irgendwelchen Gründen am Schluss mit einem Banküberfall seine Karriere beenden wollte – und auch beendete, aber indem er gefasst wurde9. Außer platten Klischees in Verbindung mit einem relativ realen Problem, dem Anlocken billiger Arbeitskräfte aus Osteuropa, hat auch diese Geschichte keine Tiefe. Sie hat lediglich etwas mehr Tiefe, als gewöhnlich.

Die Folge, in welcher der inhaltslose Moralismus besonders heraussticht, beinhaltet eine ziemliche Klischeeorgie: Ein verrückter Wissenschaftler züchtet nahe einem stillgelegten Kernkraftwerk riesige Fleischfressende Pflanzen und plant, Menschen an diese zu verfüttern und wird von TKKG gestoppt10. Kein Motiv, einfach nur böses Lachen – das reicht immer. Ein schlechter Horrorfilm, nur als Hörspiel. Mehr ist diese Folge nicht. Es zeigt eher, wie einfältig und oberflächlich die Weltanschauung der Drehbuchautoren sein muss, um sowas zu fabrizieren.

TKKG ist eine Serie, die man nur Kindern vorsetzen kann, die noch wenig Erfahrungen im realen Leben gemacht haben. Ansonsten wird man ihre Fälle oftmals absurd finden. Aber mehr soll diese Serie auch gar nicht und deren Einfluss ist aufgrund der Massenwirksamkeit wenigstens auf die Kindergenerationen der 80er bis frühen 2000er nicht unerheblich. Natürlich wäre es falsch eine Monokausalität für bürgerliches Denken auf TKKG zurückführen zu wollen, es wäre sogar lächerlich. Aber steter Tropfen höhlt den Stein. Viele andere Serien arbeiten ähnlich, dann jedoch teilweise als Filme, abgesehen von der Prägung durch Schule und ideologisch vorbelastete Eltern. Es ist ein Teilsystem, ein Steinchen im Mosaik des Gesamtsystems der bürgerlichen ideologischen Beeinflussung durch die Medien. Je besser wir lernen zu verstehen, wie diese Teilsysteme funktionieren und sich auswirken, desto besser können wir sie kontern und zwar im möglichst frühen Alter. Lotte Ulbricht machte einst klar, dass man die Kindererziehung nicht dem Zufall überlassen darf und man sich bewusst sein muss, über die Wichtigkeit des Kampfes gegen die bürgerliche Ideologie11. Sie brachte es so auf den Punkt: „Wo wir nicht sind, da ist der Gegner.“12 So ist es auch bei TKKG. Es ist Teil der kulturellen Hegemonie13 der Bourgeoisie über die Werktätigen.

Es werden nirgends die Hintergründe für die Erpressungen, Diebstähle, Drogenhandel, Entführungen und so weiter genannt. Nur in der Folge „Sklaven für Wutawia“14 wird mal Entführung angeführt, um billige Arbeitskräfte einzufangen und auch in „Bankräuber mit Supertrick“15 gibt es das – aber einmal als Entführung aus Deutschland ins Ausland, das andere Mal als Lockung billiger polnischer Putzfrauen nach Deutschland. Keine gesellschaftlichen Probleme in Deutschland selbst, immer entweder exportiert oder importiert. Wie oben erwähnt, werden arme deutsche Werktätige dort entweder als asozial dargestellt oder trotz der Erwähnung ihrer Armut handeln sie überhaupt nicht dem entsprechend, bis sie geskriptet wie Pia Friese in „Das Geheimnis der chinesischen Vase“16 dann benutzt werden, um einem Großkapitalisten Geld zu sparen, was eigentlich an Lösegeld rausgegeben werden müsste. Die gesellschaftlichen Gruppen werden also nur sehr verschwommen widergespiegelt, wenn überhaupt. Die antagonistischen Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft, die Berufskriminalität nicht nur ermöglichen, sondern auch dazu zu solcher nötigen, bleiben außen vor. Allgemein bleiben die gesellschaftlichen Widersprüche im Kern außen vor und werden nur durch ein starkes Zerrbild, wie durch Milchglas reflektiert, dargestellt… oder sollte ich sagen: entstellt? Clara Zetkin sagte einmal, dass die Bourgeoisie nicht mehr in der Lage ist, eine einheitliche, ganze, geschlossene Weltanschauung zu formen und dass dies ein Zeichen des Verfalls der bürgerlichen Ideologie ist17. „Die Grundlage der kapitalistischen Warenproduktion ist die Unfreiheit der menschlichen Arbeit. Solange die menschliche Arbeit unfrei ist, bleibt wie die Handarbeit so auch die Kopfarbeit geknechtet, müssen Wissenschaft und Kunst unfrei bleiben.“18, schrieb Clara Zetkin im Januar 1911. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Entweder ist man in einem Forschungsinstitut angestellt und hat wie ein Fabrikarbeit das zu machen, was angewiesen wird oder als Soldschreiber, ob als Journalist oder Buchautor, das abzuliefern, was die kapitalistischen Verlage annehmen, also faktisch fordern, ohne eine offizielle Forderungsliste gestellt zu haben. Man hat also die „Freiheit“ zwischen Selbstzensur und Brotlosigkeit zu entscheiden. Artikel 5 des Grundgesetzes19, welches die Kunst-, Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit garantieren soll, besteht nur für jene, die es sich leisten können, nur für jene, die Kapital besitzen. Die Möglichkeit des Selbstverlags besteht, aber nur, wenn man von Banken als kreditwürdig eingestuft wird oder wenn man aus eigener Tasche ausreichend Mittel zur Verfügung hat. Beim Selbstverlag besteht auch die Gefahr, dass man ein Buch auf den Markt bringt, das sich schlecht verkauft und man somit auf einem Schuldenberg sitzen bleibt. Bücher sind im Kapitalismus auch bloß Waren und selbstständige Schriftsteller, die nicht für bestimmte Verlage verfassen, nichts anderes als kleine Warenproduzenten, mit allen verbundenen Risiken.

Eine Besonderheit haben solche Soldschreiber jedoch: Anders als Arbeiter und Angestellte, die als Proletarier eben bloß das herzustellen beziehungsweise auszuführen haben, was ihnen der Kapitalist als Arbeit abverlangt, muss der Soldschreiber selbstständig kreativ werden und sozusagen seine „Nützlichkeit“ beweisen. Um Bücher im Sinne der bürgerlichen Ideologie zu verfassen, benötigt es eines gewissen Talents, aber nicht primär das, sondern einer Vermittlung des ideologischen Inhalts in einem Handlungsstrang. Dafür muss der Soldschreiber selbst vom bürgerlichen Denken erfasst und überzeugt sein. Der brasilianische Pädagoge Paulo Freire schrieb einst: „Auf Grund ihrer Identifizierung mit dem Unterdrücker haben sie kein Selbstbewußtsein als Person oder als Glied einer unterdrückten Klasse.“20 Freire hatte dabei eher Aufseher in Betrieben im Auge, also prinzipiell die Arbeiteraristokratie, ohne sie explizit zu benennen. Bei den Soldschreibern ist es so, dass sie isoliert arbeiten, solange sie nicht in Schriftstellerzirkeln sich zusammensetzen, und somit noch weniger Gelegenheit besitzen sich aus dem bürgerlichen Bewusstsein zu lösen und je nach dem, wie viel sie nachgefragt werden, sogar ein Teil der Arbeiteraristokratie sind. Jedenfalls ist der Kern, dass sie bürgerliches Bewusstsein verbreiten und in den allermeisten Fällen davon selbst überzeugt sind. Freire sagte an anderer Stelle: „Die herrschenden Eliten [herrschenden Klassen; L. M.] sehen das Heil darin, mehr Herrschaft und mehr Unterdrückung im Namen der Freiheit, der Ordnung und des sozialen Friedens (das heißt des Friedens der Eliten) zu praktizieren.“21 Freire, der selbst Marx und Lenin las, aber sich nicht explizit als Marxist verstand, nutzte eigentlich stets den Klassenbegriff im marxistischen Sinne. Warum er den hier nicht verwendet, ist mir unklar. Jedenfalls wollte er damit darauf hinaus, dass die Bourgeoisie die Werktätigen im Namen ihrer „Freiheit“ unterdrückt und dies nur funktioniert, weil die Bourgeoisie ihre ideologische Hegemonie dafür nutzt, um den Werktätigen eine Denkweise anzuerziehen, die sie sich selbst als unterlegen ansehen lässt22. Um den Bogen wieder zurückzuschlagen auf TKKG: Es wäre nicht richtig zu sagen, dass TKKG als Einziges von Kindheit auf zu Gehorsam und Schutz der bürgerlichen Ordnung erziehen würde, wie auch zu Moralvorstellungen der Bourgeoisie, die statt Kausalitäten zu erforschen bloß alles in „gut und böse“ einteilt. Aber die Menge macht das Gift. In der Schule, von einem vorgeprägten Elternhaus und in den Medien wird eine solche Anschauung vermittelt. Die Bourgeoisie könnte niemals so stabil und effektiv gegen die Mehrheit der Volksmassen regieren, wenn diese nicht von ihrer eigenen Minderwertigkeit gegenüber den herrschenden Klassen indoktriniert wären. Die Werktätigen würden den Beteuerungen der Bourgeoisie niemals Glauben schenken, wenn sie nicht von klein auf dazu erzogen worden wären, zu denken, dass die Freiheit des Kapitals wirklich menschliche Freiheit wäre, dass die Herrschaft des Kapitals eine „reine Demokratie des ganzen Volkes“ wäre. Freires Wort Revolutionsführer müssen begreifen, daß eine Trennung zwischen Politik und Erziehung nicht existiert.“23 müssen wir beherzigen und versuchen, die Massen nicht nur politisch mitzureißen, sondern auch geistig umzuerziehen im sozialistischen Bewusstsein. Wir müssen die Massen zum Vertrauen in die eigene Kraft und die wissenschaftliche Möglichkeit und Notwendigkeit von Sozialismus und Kommunismus überzeugen. Nicht nur als eine Zurkenntnisnahme, sie müssen davon erfasst, beseelt sein. Die Grundlage dafür ist die Lehre des dialektischen Materialismus, die es einem jeden ermöglicht selbstständig zu analysieren auf wissenschaftlicher Grundlage und somit wirklich selbstständig zu denken, ohne blinden Glauben und Gehorsam, sondern aus vollster Überzeugung und Gewissheit heraus. Das ist, was wir den geistigen Ketten der Bourgeoisie entgegensetzen müssen.

1Z. B. Hier: TKKG-Folge 19: „Der Schatz der Drachenhöhle“ (1982).

3TKKG-Folge 133: „Auf vier Pfoten zur Millionenbeute“ (2002).

4TKKG-Folge 116: „Klassenfahrt zur Hexenburg“ (1999).

5TKKG-Folge 110: „Das Phantom im Schokoladen-Museum“ (1998).

6TKKG-Folge 1: „Die Jagd nach den Millionendieben“ (1981).

7TKKG-Folge 20: „Das Geheimnis der chinesischen Vase“ (1982).

8TKKG-Folge 26: „Das Geiseldrama“ (1984).

9TKKG-Folge 142: „Bankräuber mit Supertrick“ (2004).

10TKKG-Folge 105: „Vermißte Kids und Killerpflanzen“ (1997).

11Vgl. „Machen wir unsere Kinder immun gegen die bürgerliche Ideologie!“ (April 1958) In: Lotte Ulbricht „Reden und Aufsätze“, Dietz Verlag, Berlin 1968, S. 166.

12Ebenda.

13Siehe: Brief an Tatjana Schucht (7. September 1931) In: „Antonio Gramsci – vergessener Humanist?“, Dietz Verlag, Berlin 1991, S. 198.

14TGGK-Folge 65: „Sklaven für Wutawia“ (1989).

15TKKG-Folge 142: „Bankräuber mit Supertrick“ (2004).

16TKKG-Folge 20: „Das Geheimnis der chinesischen Vase“ (1982).

17Vgl. Brief an Bertha Thalheimer (11. November 1914) In: Clara Zetkin „Die Briefe 1914-1933“, Bd. 1, Karl Dietz Verlag, Berlin 2016, S. 37.

18Kunst und Proletariat“ (Januar 1911) In: Clara Zetkin „Zur Theorie und Taktik der kommunistischen Bewegung“, Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig 1974, S. 337.

20Paulo Freire „Pädagogik der Unterdrückten“, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1990, S. 33.

21Ebenda, S. 63.

22Vgl. Ebenda, S. 48 f.

 

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