„Sozialimperialismus“ und „Drei-Welten-Theorie“

Liebe Leser, aus gegebener Nachfrage im folgenden ein bisher unveröffentlichter Beitrag des Genossen Wubulixi von August 2019:

Diese beiden Termini werden Mao Tsetung zugeschrieben, obwohl dies nur sehr fragwürdig belegbar ist. Ich werde hier Hintergründe zu diesen Begriffen liefern, wie sie entstanden sind und wie diese verwendet wurden.

Zum Sozialimperialismus. Wie bereits erwähnt, wird dieser Terminus Mao Tsetung zugeschrieben. Aber dafür, dass dies generell behauptet wird, gibt es relativ wenige Quellen und diese wenigen sind dazu noch fragwürdig. Mit Letzterem meine ich, dass diese Quellen nur Einzelzitate sind, welche keine Primärquelle besitzen oder Materialien sind, die erst in den 90er Jahren nach Gesprächsaufzeichnungen herausgegeben worden sind und ein kurzer Text, welcher späteren Werken Maos widerspricht.

Nun zu den Details. Der von der Chronologie betrachtet erste Text, der zwar nicht den Begriff „Sozialimperialismus“ verwendet, jedoch dies in diese Kategorie passt. Es handelt sich um „Zwischenbemerkungen“, in welchen gesagt wird: „Die heutige Sowjetunion ist eine Diktatur der Bourgeoisie, eine Diktatur der Großbourgeoisie, eine deutschfaschistische Diktatur, eine Diktatur im Stile Hitlers, eine Bande von Schurken übler als de Gaulle.“1 Bekannt wurde dieses Zitat durch die Broschüre „Leninismus oder Sozialimperialismus?“, welche 1970 herausgegeben wurde. Die Version der Broschüre ist um die Referenz zu De Gaulle gekürzt und etwas anders formuliert (aufgrund der anderen Übersetzung), aber klar dasselbe Zitat2. Dieses Zitat wird bis heute gerne zu Felde geführt, um Mao Tsetung als marxistischen Theoretiker zu delegitimieren3. Dabei müssen sich doch die Fragen stellen: 1. Was ist die Primärquelle dieses Textes? 2. Ist diese Quelle zuverlässig? 3. Ist dieser Text authentisch? (Suche nach gleichen bzw. ähnlichen Aussagen des Autors) Diese Fragen werde ich nun abarbeiten. Die Beantwortung der ersten Frage ist die kürzeste der drei: Die Primärquelle ist die Rote-Garden-Publikation „Mao Zedong Sixiang wansui (1969)“4. Zu Frage Nummer zwei: Es ist durchaus möglich, dass die Roten Garden auch an echte Werke von Mao herangekommen sind (einige Werke, die erstmals in ihren Publikationen veröffentlicht worden sind, stellten sich später als echt heraus), aber man muss dabei stets bedenken, dass genauso die Möglichkeit besteht, dass diese „einfach irgendwas“ publiziert haben. Fakt ist, dass man keine Möglichkeit hat die Echtheit dieser Werke durch Prüfung eines Originals (z. B. eines Manuskripts) zu bestimmen. Die Quelle ist also nur bedingt zuverlässig. Man kann die Authentizität nur durch eine Kontextualisierung unter Zuhilfenahme von weiteren Werken Maos bestimmen. Damit wären wir bei der Beantwortung der dritten Frage angekommen: Dieser Text ist nicht authentisch. Weder davor, noch danach hat Mao jemals eine solche Aussage getätigt. Dort wird die Sowjetunion als eine „Diktatur der Großbourgeoisie“ und als „hitlerfaschistisch“ bezeichnet, und De Gaulle wird ein „übler Schurke“ genannt. Diese Aussagen stehen in Widerspruch zu einigen Werken nach 1964, wovon zwei verifizierte Texte sind und einer ein weiterer sogenannter „interner Mao-Text“, welcher vom Inhalt her authentisch ist. Mao Tsetung schrieb am 25. Oktober 1966 an den V. Parteitag der Partei der Arbeit Albaniens: „Die Sowjetunion, Jugoslawien, und die Länder, in denen modern-revisionistische Cliquen am Ruder sind, haben ihre Farbe gewechselt oder sind gerade dabei, sie zu wechseln. Sie haben den Kapitalismus restauriert und die Diktatur des Proletariats in die Diktatur der Bourgeoisie verwandelt oder sind im Begriffe es zu tun.“5 Keine Erwähnung von „Hitlerfaschismus“ gegenüber der Sowjetunion, lediglich, dass diese dabei sind, den Kapitalismus zu restaurieren, also revisionistisch sind. Dass mit „Sie haben den Kapitalismus restauriert“ Jugoslawien und nicht die Sowjetunion gemeint sein kann, kann man in „Ist Jugoslawien ein sozialistischer Staat?“ nachlesen6, welches ein Teil der „Polemik über die Generallinie“ gewesen ist. Auf der 1. Plenartagung des IX. ZK der KPCh am 28. April 1969 sagte Mao über die Sowjetunion: „[…] sie sind eine Diktatur der Bourgeoisie, sie restaurieren die Diktatur der Bourgeoisie.“7 Kein Wort über „Sozialimperialismus“, obwohl dies auf dem IX. Parteitag der KPCh von Lin Biao noch groß rausposaunt worden ist8. Am 11. November 1970 schickte Mao Tsetung ein Beileidstelegramm zum Ableben von Charles de Gaulle, in welchem er ihn einen „unbeugsamen Kämpfer gegen die faschistische Aggression“ nennt9. Von „übler Schurke“ ist darin nichts zu finden. Natürlich sah Mao de Gaulle als einen Reaktionär an10, dennoch begrüßte Mao es, dass de Gaulle einen eigenständigeren Kurs fuhr gegenüber den USA11. Das Fazit lautet also, dass das Zitat aus der Roten-Garden-Publikation unauthentisch ist, weil es anderen Aussagen aus Maos Werken, welche später verfasst worden sind, widerspricht. Es gibt jedoch noch zwei weitere Zitate Maos zum Themenkomplex Sozialimperialismus. Das eine ist ein Zitat, das am 17. September 1969 erstmals in der Renmin Ribao erschienen ist, welches lautet: „Völker der ganzen Welt vereinigt euch, kämpft gegen Aggressionskriege, die von welchem Imperialismus auch immer und Sozial-Imperialismus entfacht werden; sie sollen vor allem gegen diejenigen Aggressionskriege Widerstand leisten, welche die Atombombe als Waffe einsetzen! Wenn es zu einem solchen Krieg kommt, sollten die Völker der ganzen Welt mit Hilfe des Revolutionskrieges Aggressionskriege vernichten. Man muß von jetzt an darauf vorbereitet sein!“12 Beurteilt man das nach den oben erwähnten drei Fragen, so muss man zugeben, dass die Quelle durchaus zuverlässiger ist, als eine Rote-Garden-Publikation, immerhin handelt es sich bei der Renmin Ribao um das Zentralorgan der KPCh. Dennoch ist die Authentizität unstimmig, weil diese Aussage ziemlich alleine dasteht neben dem widersprechenden Aussagen. Was wiederum dafür sprechen würde ist, dass dieses Zitat zeitlich nach den vorher genannten Zitaten kommt, Mao Tsetung also möglicherweise von der Sozialimperialismus-Theorie überzeugt worden sein könnte. Dennoch kann auch im Zentralorgan der Partei eine Zeitungsente fabriziert werden. Dafür wäre zu prüfen, wie oft Mao die Renmin Ribao las, also, ob es ihm aufgefallen ist, wenn dieses Zitat unecht sein sollte. Das Fazit ist also, dass sowohl die Möglichkeit einer Fälschung, als auch der Echtheit besteht. Um das zu beurteilen, wären mehr verifizierte Werke Mao Tsetungs zu dieser Zeit notwendig, in welchen zu diesem Thema Stellung genommen wird. Drittes und letztes Zitat: „Ihr müsst euch vor der Sowjetunion in Acht nehmen, dessen Politik ist eine Finte im Osten und ein Angriff im Westen. Sie redet davon China anzugreifen, während sie tatsächlich plant Europa zu verschlingen. Das ist gefährlich!“13 Und abermals die drei Fragen: 1. Die Quelle ist der Sammelband Mao Zedong „On Diplomacy“, 1994 erstmals veröffentlicht in Chinesisch, 1998 erstmals in englischer Sprache. 2. Die Quelle besagt, dass dieser Text aus der „Aufzeichnung eines Gesprächs“ stammt, welches Mao mit dem französischen Außenminister Maurice Schumann geführt haben soll. Über diese steht auf der Rückseite des Titelblattes in einer Notiz zum Sammelband: „Da die Originale der Niederschriften von Mao Tsetungs Gesprächen mit ausländischen Gästen nicht vorhanden sind, werden diese Gespräche übersetzt nach der offiziellen chinesischen Version.“ Wer legt die „offizielle chinesische Version“ fest? Doch kein anderer als die Herausgeber selbst, das Außenministerium der Volksrepublik China zusammen mit dem Parteiliteraturrecherchezentrum des ZK der KPCh. Diese Tatsache in Verbindung damit, dass es bereits unter den Revisionisten herausgegeben worden ist, erweckt mindestens den Verdacht der Manipulation, besonders, weil diese zugeben, dass sie keine verfügbaren Originale haben. Ist es nicht eine passende „Legitimationsquelle“, wenn man jegliche Politik der Partei auf Mao persönlich zurückführen kann? Ein Interesse daran besteht durchaus. Genauso könnte es jedoch sein, dass es sich tatsächlich um Abschriften von Originalen handelt, welche, aus welchen Gründen auch immer, verschwunden sind. Auch hier kann man lediglich durch Kontextualisierung versuchen sich der Wahrheit anzunähern. Im Hinblick auf das Zitat vom September 1969 besteht durchaus die Möglichkeit der Echtheit, aber, wie bereits angeführt, müsste man versuchen die Primärquelle dessen zu finden, um das beurteilen zu können. Das war zur Frage 3. Das Gesamtfazit ist also, dass Mao nachweislich vor September 1969 diese Theorie nicht vertreten hat, wobei danach die Möglichkeit besteht, dass er diese unterstützte. Als Schlusswort dazu möchte ich eine Anmerkung zitieren, die der Kommunistische Bund im Sammelband Mao Tse-tung „Band V“ zu diesem Themenkomplex verfasste: „Am Thema Sowjetrevisionismus-´Sozialimperialismus´-´Sozialfaschismus´ fällt der Mangel an wirklich gesicherten und zusammenhängenden Texten besonders stark auf. So gibt es keinen einzigen Aufsatz, keine einzige Rede Mao Tse-tung´s zu diesem Thema, dem bisherigen Veröffentlichungsstand nach zu schließen. Die überhaupt greifbaren angeblichen Äußerungen, die zudem meist mit großer ´Verspätung´ überhaupt erst veröffentlicht wurden. Das deutlichste Beispiel dafür ist die Mao 1970 zugeschriebene Äußerung, daß die Sowjetunion unter einer ´Diktatur von der Art des deutschen Faschismus, der Diktatur Hitlers´ stehe, und die auf ein Gespräch aus dem Jahr 1964 zurückgehen soll. Falls diese Äußerung nicht einfach nachträglich erfunden oder verfälscht wurde (wofür das völlige Fehlen sonstiger ähnlicher Äußerungen spricht), kann sie jedenfalls unter gar keinen Umständen auch nur entfernt als wissenschaftliche Analyse gelten. Die Autorität Mao Tse-tung´s wurde dazu mißbraucht, um die ´Sozialfaschismus´-´Sozialimperialismus´-These glaubwürdiger zu machen. Ähnlich, aber noch finsterer, verhält es sich mit dem Versuch, die dem ´Sozial´chauvinismus zugrunde liegende sogenannte ´Theorie der drei Welten´ auf Mao Tse-tung zurückzuführen. Hierzu gibt es nicht einmal schlüssige Zitate, geschweige denn geschlossene theoretische Ausführungen von Mao Tse-tung.“14 Auf die Drei-Welten-Theorie komme ich später zurück, wie angekündigt. Nun komme ich auf deren eigentliche Begründer zu sprechen und anschließend auf den historischen Kontext der Sozialimperialismus-Theorie.

Von wem stammt also die „Sozialimperialismus“-These? Bekannt ist, dass Lenin bereits die Opportunisten im Ersten Weltkrieg als Sozialimperialisten bezeichnete, nannte sie „Sozialisten in Worten, Imperialisten in der Tat“15. Nachdem die Sowjetunion während des sogenannten „Prager Frühlings“ in die CSSR einrückte begann man das Wort Lenins auch auf die Sowjetunion anzuwenden. Der erste Beleg dafür ist eine Rede Tschou Enlais vom September 1968, wo er genau diese Textstelle von Lenin zu diesem Zweck zitiert16. Auf dem X. Parteitag der KPCh sagte Tschou Enlai: „In den letzten zwei Jahrzehnten hat die Herrscherclique des Sowjetrevisionismus von Chruschtschow bis Breshnew einen sozialistischen Staat in einen sozialimperialistischen Staat entarten lassen.“17 Weshalb sagt Tschou das? Darauf werde ich nun eingehen.

Was war der historische Kontext, der diese falsche Theorie hervorrief? Da war natürlich der Großmachtchauvinismus18, den die revisionistische Sowjetunion gegen die antirevisionistischen Kräfte an den Tag legte. Die bekanntesten Beispiele waren die Verweigerung der Solidarität mit Albanien und China ab 1960, weil diese sich weigerten, den revisionistischen Kurs der KPdSU sich zu unterwerfen19. Auch, dass Chruschtschow Indien gegen China unterstützte in der Grenzfrage und Nehru subventionierte, obwohl er ein Vertreter der nationalen Bourgeoisie gewesen ist, anstatt aufzuzeigen, dass die Volksmassen die Diktatur des Proletariats erkämpfen müssen, wenn sie Politik zu ihrem Wohle verwirklicht sehen wollen20 und Chruschtschow sogar Nehrus Bourgeoisie“sozialismus“ anerkannte21. Dies waren schwere Brüche mit dem proletarischen Internationalismus von Seiten der KPdSU, zugunsten der eigenen revisionistischen Vormachtstellung auf ideologischem Gebiet und auch eine Zusammenarbeit mit der nationalen Bourgeoisie Indiens zum Schaden des sozialistischen Chinas und der kommunistischen Bewegung Indiens selbst. Auch, dass man von Seiten der KPdSU die VR China als einen Aggressor darstellte, der außerdem noch schlimmer sei, als die USA22. Ab Ende der 60er Jahre bezeichnete die Sowjetunion Chinas als ein „militärisch-bürokratisches Regime“ und eine „Diktatur der Kleinbourgeoisie“23. Mir liegt dafür keine zeitnahe Primärquelle vor, jedoch „Vertrauliches Lesematerial über die VR China“ von 1979, herausgegeben von der Parteihochschule „Karl Marx“ beim ZK der SED24. Dort wird China als genau das bezeichnet, neben weiteren boshaften Anschuldigungen, die nicht durch Beweise abgedeckt sind. Die härteste Anschuldigung ist diese: „Unter Mao Zedong wurden im Wesen die sozialistischen Grundlagen der chinesischen Gesellschaft zerstört.“25 Dies ist zwar Material von der SED, jedoch folgte diese unter Honecker dem revisionistischen Kurs der KPdSU Breshnews bedingungslos, also liegt die Vermutung nahe, dass dies eine Widerspieglung von sowjetischen Anti-KPCh-Tiraden ist. Zu guter Letzt kommt noch der Grenzkrieg der Sowjetunion gegen China hinzu, der um eigentlich unlängst unter Lenin aufgegebene Ansprüche geführt worden ist26. Weil es sich um Ansprüche auf China aus der Zeit des Zarismus handelte, wurde die sowjetische Führung von da an polemisch die „neuen Zaren“27 genannt. Diese Bezeichnung wurde von pro-sowjetischer Seite damit begegnet, dass man die Führer der KPCh danach „Söhne des Himmels“28 nannte. Das ist zusammen ein ganzes Bündel an aggressiven Aktionen der revisionistischen Sowjetunion gegen die VR China gewesen. Wenn man sich die Hetze gegen Maos China als „militärisch-bürokratisches Regime“ von Seiten der KPdSU und ihrer Anhängerparteien betrachtet, welches inhaltlich gesehen der Sozialimperialismus-Vorwurf gegenüber China ist und wohl zeitlich noch vor letzterem entstanden ist, so scheint es, als habe die KPCh einfach angefangen, Feuer mit Feuer zu bekämpfen, also einfach die Vorwürfe gegen sie zurückzuspiegeln. In der „Polemik über die Generallinie“ von 1963/64, welche bis in die 70er Jahre mehrfach neu abgedruckt worden ist in China, wurden die Ansichten der KPCh gegen den Revisionismus dargelegt. Man gab ansonsten die Diskussion mit sowjetischer Seite auf, da man erkannt hatte, dass die Revisionisten an der Spitze nicht wieder freiwilligen gehen würden, wenn die Massen sie nicht stürzen (ähnlich wie auch bei der Clique um Liu Schaotschi, die während der Kulturrevolution gestürzt worden ist). Im letzten Teil der „Polemik über die Generallinie“ mit dem Titel „Warum Chruschtschow von der Bühne abgetreten ist“ wurde die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass es keinen „Chruschtschowismus ohne Chruschtschow“ geben werde und dass die Sowjetunion nicht weiterhin auf dessen Kurs bleiben würde29. Edgar Snow führte am 9. Januar 1965 ein Gespräch mit Mao Tsetung, wo er Mao über die neue Führung der KPdSU befragte. Snow fragte, ob die KPdSU unter Breshnew 30% gut und 70% schlecht sei oder umgekehrt. Mao antwortete: „Schwer zu sagen. Manche meinen, sie würden Chruschtschowismus ohne Chruschtschow betreiben.“30 Die KPCh hatte also die Hoffnung, dass das ZK Breshnews mit Chruschtschow brechen würde inhaltlich. Aber das war nicht der Fall, der „Kronprinz Chruschtschows“31, wie Kurt Gossweiler Breshnew nennt, kam an die Spitze, ohne Rückkehr zum Marxismus-Leninismus in der Praxis. Wie wenig die Absetzung Chruschtschows mit inhaltlichen Veränderungen zu tun hatte, kann man alleine schon daran absehen, dass außer dem Postenwechsel des Ersten Sekretärs sich personell praktisch nichts veränderte. Suslow und Kossygin beispielsweise behielten ihre Positionen bis zu ihrem Ableben. Deshalb wohl gab die KPCh die inhaltliche Diskussion mit der KPdSU-Führung auf, man sah, dass sich nichts änderte. So viel dazu. Dennoch war und ist die Sozialimperialismus-Theorie inhaltlich falsch, auch wenn sie eine Spieglung ähnlicher sowjetischer Vorwürfe gegen China darstellt. Man hätte trotz der Attacken der Sowjetunion diese sachlich korrekt analysieren müssen. Natürlich, man machte sich aufgrund des aggressiven Auftretens der Sowjetunion, sowohl großmachtchauvinistisch, als auch militärisch im Grenzkrieg, gegenüber China und den anderen antirevisionistischen Ländern, Sorgen, dass dies die gleiche Ursache habe, wie der Imperialismus. Man überschätzte die Geschwindigkeit der kapitalistischen Restauration. Diese begann zwar durchaus 1956, denn die Revisionisten wurden zu keiner Zeit danach bekämpft und abgesetzt, jedoch war der Prozess eben nicht in den 60ern abgeschlossen, sondern erst Ende der 80er Jahre mit Gorbatschow. Wie viel man der Sowjetunion absichtlich „eine reinwürgen“ wollte, weil diese gegen China hetzte und wie viel ehrlich gemeinte Fehler waren, ist schwer abzuschätzen. Fakt ist jedoch, wenn wohl nicht Mao persönlich verantwortlich ist für diese Theorie, so ist es dennoch eine falsche Theorie der KPCh, auch wenn der Sowjetrevisionismus daran massiv Mitschuld trägt aufgrund seiner Politik.

Zur Drei-Welten-Theorie. Auch bei dieser Theorie versucht man diese auf Mao Tsetung zurückzuführen. Gab es für den Sozialimperialismus noch wenigstens drei anführbare Zitate, so handelt es sich hier nur um eine einzige Quelle: Ein Gespräch mit Kenneth David Kaunda vom 22. Februar 1974. Dieses wird auch noch heute vom Außenministerium der Volksrepublik China angeführt und der Sachverhalt wird so dargestellt, als habe Deng Hsiaoping im April 1974 vor der UNO nur dessen Ausführungen kundgetan32. Dabei ist dieses „Gespräch“ auch wieder mit dem Quellenverweis „aus Gesprächsaufzeichnungen“ versehen. Es gilt also mal wieder das, was in der Veröffentlichungsnotiz auf der Rückseite des Titelblattes des Sammelbandes steht: „Da die Originale der Niederschriften von Mao Tsetungs Gesprächen mit ausländischen Gästen nicht vorhanden sind, werden diese Gespräche übersetzt nach der offiziellen chinesischen Version.“ Es fehlt also auch hier an Beweisen für die Echtheit des Gesprächs. Dennoch sei hier zitiert, was man dort Mao sagen ließ: „Ich meine, dass die USA und die Sowjetunion zur Ersten Welt gehören. Die mittleren Elemente, wie Japan, Europa, Australien und Kanada, gehören zur Zweiten Welt. Wir sind die Dritte Welt.“33 Dieses veröffentlichte „Gespräch“ soll sogar nur ein Auszug sein. Es ist sicherlich kein Zufall, dass die angeführten Zitate sich mit denen gleichen, die am 1. November 1977 in einem Artikel der Renmin Ribao veröffentlicht worden sind, wo als Quelle „ein Gespräch im Februar 1974“ angegeben worden ist34. Das völlige Fehlen von anderen Aussagen, neben dem Kenntnis, dass faktisch eine Primärquelle nicht (mehr?) existiert macht es sehr wahrscheinlich, dass dieses „Gespräch mit Kaunda“ eine Fälschung ist. Was man dort Mao Jahre später in den Mund legte, ist inhaltlich identisch mit dem, was Deng Hsiaoping am 10. April 1974 vor der UNO-Vollversammlung sagte: „Die USA und die Sowjetunion bilden die Erste Welt. Die Entwicklungsländer in Asien, Afrika und Lateinamerika sowie anderen Gebieten bilden die Dritte Welt. Und die entwickelten Länder, die sich zwischen diesen beiden Welten befinden, bilden die Zweite Welt.“35 In dieser Rede spricht Deng viel von „Hegemonie durch die Supermächte“, aber nicht vom Klassenkampf, der hinter der imperialistischen Ausbeutung der kolonialen und semikolonialen Länder steckt. Deng sprach der „Dritten Welt“ eine progressive Rolle zu, ohne zu charakterisieren, warum dem so ist, als die Klassenverhältnisse. Mao kritisierte Deng im Jahre 1976 dafür, dass dieser den Klassenkampf ausklammert: „Dieser Mensch packt den Klassenkampf nicht an, über diese Leitlinie spricht er nie.“36 Was auch indirekt dafür spricht, dass das „Gespräch mit Kaunda“ nur der nachträglichen Selbstlegitimierung galt, ist, dass Deng Hsiaoping an der Drei-Welten-Theorie festhielt bis zum Ende seiner politischen Karriere (bzw., wie angeführt, die heutige KPCh diese Theorie noch immer verteidigt), während er von Mao Tsetung im Prinzip alles über Bord warf (Kollektivierung, Planwirtschaft, Vergesellschaftung der Produktionsmittel, Kampf gegen den Revisionismus und vieles mehr) und sozusagen „nur noch sein Bild hängen ließ“. Im Mai 1984 sagte er gegenüber dem brasilianischen Präsidenten: „China wird immer zur Dritten Welt gehören. Es gehört heute zur Dritten Welt und wird auch weiterhin dazugehören, wenn es wohlhabend und mächtig wird, weil es ein gemeinsames Schicksal mit allen Ländern der Dritten Welt teilt. China wird niemals nach Hegemonie trachten oder andere herumschubsen, sondern immer auf der Seite der Dritten Welt stehen.“37 Im Dezember 1990 sagte Deng Xiaoping: „China wird immer auf der Seite der Dritt-Welt-Länder stehen, aber wir werden niemals nach Hegemonie über diese trachten oder als ihr Anführer dienen.“38 Die Drei-Welten-Theorie wurde also benutzt, um eine opportunistische außenpolitische Linie zu etablieren, die dem proletarischen Internationalismus widersprach.

Noch etwas nebenbei: Mao Tsetung hatte am 30. Januar 1964 in einem Gespräch mit französischen Abgeordneten deren Sichtweise auf die „Drei Welten“ aufgegriffen und drüber gesprochen. Ihre Konzeption ist die Drei-Welten-Einteilung, wie sie in den westlichen imperialistischen Zentren üblich gewesen ist: Die Erste Welt bildet die NATO, die Zweite Welt der Warschauer Vertrag und der Rest dazwischen ist die Dritte Welt. Mao sagte: „Ihr habt gesagt, dass ihr eine Dritte Welt begründen wollt, etwa nicht? Es würde nichts nützen, wenn die Dritte Welt nur aus Frankreich bestünde. Das wäre zu wenig und nutzlos. Ihr solltet versuchen ganz Europa zu vereinigen.“39 Diese Worte wurden im Kontext geäußert, dass Frankreich sich von der Bindung an die USA lösen wollte, eine eigenständige imperialistische Politik betreiben wollte. Diese Konzeption der Dritten Welt hat mit den Darlegungen Deng Hsiaopings inhaltlich nicht viel zu tun, es gibt hier bloß eine terminologische Überschneidung. Mao versuchte die Dreiteilung der Welt nach den Vorstellungen Frankreichs zu nutzen, um dazu beizutragen, sie gegen die USA auszuspielen. Das hat seine Wurzeln in Maos Theorie der Zwischenzonen, auf die ich bereits eingegangen bin an vorheriger Stelle.

1„Einige Zwischenbemerkungen bei der Berichterstattung der Führungsgruppe der Planungskommission“ (11. Mai 1964) In: Mao Zedong „Texte“, Bd. V, Carl Hanser Verlag, München/Wien 1982, S. 259.

2Die erwähnte andere Version des Zitats kann gefunden werden in: Mao Tse-tung „Band V“, Verlag Arbeiterkampf, Hamburg 1977, S. 211.

3Siehe: https://kommunistische.org/diskussion/einschaetzung-der-programmatik-der-mlpd/

Anmerkung: Bevor von Lesern mir eine „Nähe zur MLPD“ unterstellt wird: Nein, die MLPD ist keine marxistisch-leninistisch-maoistische Partei, auch wenn sie sich selbst als solche bezeichnet. Sie vertritt die US-Außenpolitik unter „ultralinken“ Phrasen und ist im Kern konterrevolutionär, nicht weniger als die revisionistische DKP, welche Kapitalismus „mit roten Fähnchen“ vom Schlage des heutigen Chinas bejubelt. Meine Kritik bezieht sich lediglich auf die mangelnde Quellenkritik am angeblichen Mao-Zitat. Man zitiert dieses sogar aus Tertiärliteratur (Primär: Rote-Garden-Publikation → Sekundär: Broschüre „Leninismus oder Sozialimperialismus?“ → Tertiär: DKP-Publikation, aus der zitiert wird), ohne nach dessen Primärquelle zu suchen und abzuschätzen, ob diese verlässlich ist, oder nicht. Das sind Grundlagen, die man wissen sollte, wenn man historisch-materialistisch arbeitet!

4Siehe: „Einige Zwischenbemerkungen bei der Berichterstattung der Führungsgruppe der Planungskommission“ (11. Mai 1964) In: Mao Zedong „Texte“, Bd. V, Carl Hanser Verlag, München/Wien 1982, S. 260. Die Quellenangabe besagt „[WS 69, 496-97]“. Auf S. 717 des Sammelbandes wird dieses Quellenkürzel erklärt.

5„Glückwunschtelegramm an den V. Parteitag der Partei der Arbeit Albaniens“ (25. Oktober 1966) In: Mao Tse-tung „Band V“, Verlag Arbeiterkampf, Hamburg 1977, S. 151.

6Siehe: „Ist Jugoslawien ein sozialistischer Staat?“ In: „Die Polemik über die Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung“, Oberbaumverlag, Berlin 1971, S. 159 ff.

7„Rede auf der 1. Plenartagung des IX. Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas“ (28. April 1969) In: Mao Zedong „Texte“, Bd. VI.1, Carl Hanser Verlag, München/Wien 1982, S. 380.

8Siehe bspw.: Lin Biao „Bericht auf dem IX. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas“ (1. April 1969) In: „Wichtige Dokumente der Großen Proletarischen Kulturrevolution“, Verlag für fremdsprachige Literatur, Peking 1970, S. 105.

9„Beileidstelegramm an Madame de Gaulle“ (11. November 1970) In: Mao Tse-tung „Band V“, Verlag Arbeiterkampf, Hamburg 1977, S. 163.

10Siehe: „Abriß der Reden auf der Obersten Staatskonferenz“ (5. bis 9. September 1958) In: Mao Zedong „Texte“, Bd. III, Carl Hanser Verlag, München/Wien 1982, S. 208. Mao vergleicht dort de Gaulle mit Tschiang Kaischek.

11Siehe: „Wir begrüßen Frankreichs unabhängige Politik sehr“ (10. September 1964) In: Mao Zedong „On Diplomacy“, Foreign Languages Press, Beijing 1998, S. 415, Englisch. Mao begrüßt es dort sehr, dass de Gaulle die BRD für ihre zu starke Bindung an die USA kritisierte.

12Mao Zedong „Texte“, Bd. VI.1, Carl Hanser Verlag, München/Wien 1982, S. 557/558.

13„Die sowjetische Politik ist eine Finte im Osten und ein Angriff im Westen“ (10. Juli 1972) In: Mao Zedong „On Diplomacy“, Foreign Languages Press, Beijing 1998, S. 452, Englisch.

14 Mao Tse-tung “Band V”, Verlag Arbeiterkampf, Hamburg 1977, S. 225/226.

15„Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ (Januar bis Juni 1916) In: W. I. Lenin „Ausgewählte Werke in sechs Bänden“, Bd. II, Dietz Verlag, Berlin 1974, S. 750.

16Siehe: „Rede auf dem vom vietnamesischen Botschafter in China anlässlich des Nationalfeiertags der DRV gegebenen Empfang“ (2. September 1968) In: Tschou En-lai „Reden und Schriften“, Verlag Rote Fahne, Köln 1976, S. 283.

17„Bericht auf dem X. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas“ (24. August 1973) In: Ebenda, S. 311.

18 Auch Kurt Gossweiler warf der Sowjetunion Großmachtchauvinismus vor. Zum Beispiel in der Kubakrise, wo Chruschtschow mit Kennedy verhandelte, ohne Fidel Castro mit einzubeziehen. Siehe: „Stärken und Schwächen im Kampf der SED gegen den Revisionismus“ (2. Mai 1993) In: Kurt Gossweiler „Wider den Revisionismus“, Verlag zu Förderung der wissenschaftlichen Weltanschauung, München 1997, S. 352.

19Siehe: „Genosse Domenico Losurdos ´Flucht aus der Geschichte´ – Kritische Anmerkungen“ In: Kurt Gossweiler „Wie konnte das geschehen?“, Bd. II, KPD/Offen-siv, Bodenfelde 2017, S. 259 f.

20Siehe: „Zur Niederlagenanalyse – Replik auf Fred Müller“ In: Ebenda, Bd. III, S. 268 f.

21 Siehe: „Thesen zur Rolle des modernen Revisionismus bei der Niederlage des Sozialismus“ (1992) In: Kurt Gossweiler „Wider den Revisionismus“, Verlag zu Förderung der wissenschaftlichen Weltanschauung, München 1997, S. 332.

22 Siehe: „Zur Niederlagenanalyse – Replik auf Fred Müller“ In: Kurt Gossweiler „Wie konnte das geschehen?“, Bd. III, KPD/Offen-siv, Bodenfelde 2017, S. 270.

23 Siehe: „Rede auf der 1. Plenartagung des IX. Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas“ (28. April 1969) In: Mao Zedong „Texte“, Bd. VI.1, Carl Hanser Verlag, München/Wien 1982, S. 380. Mao weist dort diese Anschuldigungen zurück, welche seinen Aussagen zufolge von der TASS, der Zeitschrift „Kommunist“ und Wang Ming verbreitet wurden.

26 Siehe: Lin Biao „Bericht auf dem IX. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas“ (1. April 1969) In: „Wichtige Dokumente der Großen Proletarischen Kulturrevolution“, Verlag für fremdsprachige Literatur, Peking 1970, S. 104 ff.

27 Siehe dazu bspw.: „Bericht auf dem X. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas“ (24. August 1973) In: Tschou En-lai „Reden und Schriften“, Verlag Rote Fahne, Köln 1976, S. 312.

28 Siehe dazu: Heinz Landmann „In den Fußstapfen der ´Söhne des Himmels´ – Politik mit der Chinesischen Mauer“, Dietz Verlag, Berlin 1981. Der Begriff „Söhne des Himmels“ entstammt dem „Mandat des Himmels“, was die Selbstlegitimierung der chinesischen Kaiser darstellte. Diese nannten sich selbst so. Dieser Begriff hat also in etwa die gleiche Bedeutung wie „Zar“.

29 Vgl. „Warum Chruschtschow von der Bühne abgetreten ist“ In: „Die Polemik über die Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung“, Oberbaumverlag, Berlin 1971, S. 549.

30 „Gespräch mit Edgar Snow über internationale Angelegenheiten“ (9. Januar 1965) In: Mao Zedong „On Diplomacy“, Foreign Languages Press, Beijing 1998, S. 424, Englisch.

31 „Brief an Robert Steigerwald“ (10. Dezember 2005) In: Kurt Gossweiler „Wie konnte das geschehen?“, Bd. III, KPD/Offen-siv, Bodenfelde 2017, S. 188.

33 „Über die Frage der Differenzierung der Drei Welten“ (22. Februar 1974) In: Mao Zedong „On Diplomacy“, Foreign Languages Press, Beijing 1998, S. 454, Englisch.

35 „Rede von Deng Hsiao-ping, dem Leiter der Delegation der Volksrepublik China, auf der Sondertagung der UNO-Vollversammlung“ (10. April 1974), Verlag für fremdsprachige Literatur, Peking 1974, S. 2.

36 „Kritik an Deng Xiaoping während der Bewegung zur ´Zurückschlagung der rechten Revisionstendenz´“ (Januar – Mai 1976) In: Mao Zedong „Texte“, Bd. VI.1, Carl Hanser Verlag, München/Wien 1982, S. 501.

37 „Wir müssen den Weltfrieden schützen und die heimische Entwicklung gewährleisten“ (29. Mai 1984) In: „Selected Works of Deng Xiaoping“, Vol. III, Foreign Languages Press, Beijing 1994, S. 66, Englisch.

38 „Ergreift die Möglichkeit, um die Wirtschaft zu entwickeln“ (24. Dezember 1990) In: Ebenda, S. 350, Englisch.

39 „China und Frankreich haben Gemeinsamkeiten“ (30. Januar 1964) In: Mao Zedong „On Diplomacy“, Foreign Languages Press, Beijing 1998, S. 399, Englisch.

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