Imre Nagy – Ein kommunistischer Märtyrer? – Populäre Mythen über Imre Nagy

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Imre Nagy ist eine der umstrittensten Personen der ungarischen Geschichte. Man könnte versuchen, dieses Thema zu umgehen, indem man nicht darüber redet, es ignorieren. Geschichte bedeutet aber nicht bloß, dass man vergangene Ereignisse kennt, sondern, dass man mithilfe der Erfahrungen der Vergangenheit die Gegenwart versteht und befähigt wird, die Zukunft zu gestalten. Walter Ulbricht schrieb als junger Marxist: „Wenn wir uns mit der politischen Geschichte beschäftigen, so zu dem Zweck, die Vorgänge der Gegenwart besser verstehen zu können. Die Geschichte ist gewissermaßen die Lehrmeisterin des Politikers.“1 Am Blick auf die Geschichte kann man verschiedene Ideologien und ihre Wurzeln erkennen. Liberale und ein Typus von Revisionisten sehen Imre Nagy als ein „Held“, der gegen den „Stalinismus“ Front gemacht hat; Marxisten sehen ihn als Verräter an der Sache des Sozialismus. Die Relevanz des Themas ist also durchaus gegeben.

Heutzutage haben sich Mythen über Imre Nagy breitgemacht, welche den Zweck haben, ihn als Teil ihrer eigenen Agenda zu benutzen, sowohl von Revisionisten als auch von Liberalen und sonstigen offenkundigen Reaktionären. Diesen gilt es entgegenzutreten.

Nagy hat den Tod nicht verdient!“

Albert Camus tat sich darin hervor, vom Westen aus als „linker“ Intellektueller das Todesurteil gegen Imre Nagy nicht akzeptieren zu wollen. Das führte zur Zusammenstellung des Sammelbands „Der Fall Imre Nagy – Eine Dokumentation“ im Jahre 1958, dem Jahr der Verurteilung und Hinrichtung von Imre Nagy. Es lohnt sich nicht auf jeden Aspekt im Detail einzugehen.

Albert Camus behauptete: „Der Fall liegt völlig klar, kein Irrtum ist möglich: Imre Nagy wurde nicht verurteilt, sondern ermordet.“2 So klar liegt der Fall aber nicht wie behauptet. Es wurden keine Gegenbeweise geliefert, es wurden bloß vorliegende Dokumente angezweifelt, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit besitzen können.

Der Anklagepunkt, der hauptsächliche nämlich, dass Imre Nagy an einem Umsturz gegen die Volksrepublik Ungarn teilgenommen hätte, wurde damit abgetan: „Die Volksrepublik war in keiner Phase der Revolution gestürzt. Es gab zwischen dem 23. Oktober und dem 4. November keine Verfassungsänderung.“3 Dieser formalistischen Logik nach war das Hitlerreich mit der Weimarer Republik identisch, da diese nie formell aufgelöst und dessen Verfassung nie offiziell abgeschafft worden ist. Geht man so formalistisch heran, dann war Nagy natürlich unschuldig – und dann besteht die Weimarer Republik bis auf den heutigen Tag, weil sie nie offiziell aufgelöst worden ist. Es ist eindeutig, dass es sich dabei um einen idealistischen Standpunkt handelt, der die realen materiellen Geschehnisse völlig außer Acht lässt. Entsprechend wird behauptete, dass Nagy es nicht nötig gehabt hätte, sich mit der den reaktionären Kräften zu verbünden, wie ihm vorgeworfen wird, weil er doch ohnehin seit dem 23. Oktober 1956 „die Macht in seinen Händen“ gehalten hätte4. Wie kann man behaupten, dass jemand „die Macht in den Händen“ gehalten habe, der sein eigenes Land nicht unter Kontrolle hatte? Die Regierung von Imre Nagy war eher eine De-Jure-Regierung. Entsprechend ist es wenig verwunderlich, dass seine Regierung praktisch keine Maßnahmen traf, abgesehen von der Auflösung der ÁVH5, wie die französischen Autoren zugeben. Und diese gaben auch zu, dass die ungarische Regierung zur Zeit des Aufstands außer der ÁVH praktisch keine Streitkräfte in Budapest hatte6. Wenn man in Angesicht des Feindes seine eigenen Truppen auflöst – wie kann man da nicht von einer faktischen Kapitulation sprechen? Die französischen Autoren gaben sogar das zu: „Es stimmt, daß in Budapest Lynchjustiz auf offener Straße geübt wurde.“7 Sie beschönigten diesen aber damit, dass die ÁVH jahrelangen Terror ausgeübt hätte und somit dies eine Art gerechtfertigter „Volkszorn“ gewesen sei. Es ist bezeichnend, dass die französischen Autoren zwar Aussagen von zwei Mitangeklagten Nagys gegen den Straßenterror anführen konnten aus der Zeit des faschistischen Putsches, aber keine von Nagy selbst8, aber sie versuchten Nagy in Schutz zu nehmen, indem sie praktisch unterstellten, dass Nagy dieselbe Meinung vertreten hätte, ohne Beleg. Die französischen Autoren jedenfalls äußerten sich positiv darüber, dass die ÁVH durch ihre Auflösung „kein Blutbad verursachte“9. Man kann daran ersehen, dass sie sich damit faktisch auf die Seite der Konterrevolution stellten, ohne dies in unverdeckter Offenheit zu äußern.

Nagy wurde auch vorgeworfen, dass er „sozialistische Losungen“ in „demagogischer und lügnerischer Weise“ benutzt hätte, um seine wahren Ziele zu maskieren. Dies wird deshalb in Frage gestellt, weil die französischen Autoren nicht glauben wollen, dass man mit „sozialistischen Losungen“ sich gegen die Volksdemokratie ausdrücken könnte10. Dabei ging es darum, dass Nagy nicht offen zugab, den Sozialismus beseitigen zu wollen, sondern Mimikry betrieb. Es wird sich nicht einmal die Mühe gemacht, nachzuweisen, dass Nagy diese sozialistisch anmutenden Töne auch ernst gemeint hätte, sondern es wird einfach in Frage gestellt, dass er als Demagoge aufgetreten ist. Diese Mühe werde ich mir an späterer Stelle aber machen, in einem anderen Kapitel. Stattdessen werde ich hier eine chronologische Abläufe vom Herbst 1956 darlegen.

Die Tage des konterrevolutionären Aufstands im Oktober 1956 zeichnen das Bild, dass Imre Nagy keine Maßnahmen gegen die Konterrevolution unternommen hat. Dagegen hilft auch kein Anzweifeln und Rausreden von einem Albert Camus etwas.

In seiner letzten öffentlichen Ansprache am Abend des 23. Oktober 1956 sprach Ernö Gerö von „Demonstrationen nationalistischem Charakters“ und davon, dass die Parteiführung weiterhin am sozialistischen Weg festhalten würde11. Diese Rede hatte keine praktische Relevanz mehr, da Gerö ohnehin abgelöst worden ist. Es handelte sich bei dieser Rede um eine Art Abgesang der alten Parteiführung der Rákosi-Ära.

Am selben Abend stürmten bewaffnete Konterrevolutionäre die Zentralen des Rundfunks und vom Zentralorgan der MDP „Szabad Nép“ (Freies Volk) und „ungenügend geschützte“ Waffenlager12.

Am 24. Oktober 1956 rief Imre Nagy die Putschisten mehrfach auf, sich zu ergeben, um straffrei davon zu kommen. Erst rief er dazu auf, dass dies bis 14:00 Uhr zu geschehen habe13, verlängerte diese Frist aber immer weiter bis auf 22:00 Uhr14. Er zeigte damit, keine Autorität und Kontrolle über die Lage zu besitzen.

János Kádár sagte am Abend des 24. Oktober 1956 im Radio: Die Demonstration der Universitätsjugend, die anfangs vorwiegend akzeptierbare Forderungen stellte, wuchs sich rasch zu einer Demonstration gegen unser volksdemokratisches System aus, und endete in einem bewaffneten Kampf.“15 Für ihn war also ziemlich früh bereits klar, dass es sich bei den Demonstrationen um konterrevolutionäre Machtdemonstrationen handelte.

Die Konterrevolutionäre selbst bestritten dies natürlich. Der sogenannte „Sender Freies Miskolc“ behauptete am 28. Oktober 1956, dass Ernö Gerö gegenüber den sowjetischen Truppen in Ungarn gelogen hätte über den Charakter der Aufständischen: „Gerö, ein Gefolgsmann Rákosis, hat ihnen vorgelogen, sie müßten gegen konterrevolutionäre Banden und gewöhnliche Plünderer kämpfen. Nunmehr wissen sie ebenso wie die ganze Welt, daß das nicht wahr ist. Wir verlangen daher, daß Gerö und seine Mitschuldigen zur Verantwortung gezogen werden.“16 Jedenfalls verfasste das ZK der MDP am 24. Oktober 1956 einen Aufruf, in welchem die konterrevolutionären Angriffen verurteilt worden sind. Außerdem wurde beschlossen, die Arbeiter zu bewaffnen, wozu es aber nicht kam. Die Führung von Armee und Polizei war durch den revisionistischen Einfluss paralysiert worden und unternahm gegen die Konterrevolution keine Maßnahmen17. Diese „Lähmung“ der Staatsführung warf Kádár später Nagy auch immer wieder vor18, als er auf diese Zeit zurückschaute.

Imre Nagy gab am 24. Oktober zwar den konterrevolutionären Charakter des Aufstandes zu19, lehnte es am 25. Oktober 1956 aber ab, diesen mit Waffengewalt niederzuschlagen20. Das zeigt, dass Nagy die Volksrepublik Ungarn nicht bereit war zu verteidigen. Lenin sagte: Eine Revolution ist nur dann etwas wert, wenn sie sich zu verteidigen versteht.“21 Nagy mag sich wie Chruschtschow als ein „echter Leninist“ ausgegeben haben, aber letztendlich war er bloß ein Liquidator der ungarischen Revolution. Am 26. Oktober beschloss das ZK der MDP nochmals eine Amenstie für alle, die bis 22:00 Uhr ihre Waffen niederlegten und veröffentlichte am 27. Oktober eine Erklärung im Parteiorgan „Szabad Nép“, das die Werktätigen zum Widerstand gegen die Konterrevolutionäre aufrief. Die Revisionisten um Imre Nagy wandten sich aber dagegen und veröffentlichten am 28. Oktober in der „Szabad Nép“ eine dazu konträre Ansicht22. Währenddessen wütete die Konterrevolution unaufhörlich weiter.

Die offizielle Geschichtsschreibung der MSZMP beschreibt die Zustände dieser Tage wie folgt: „Nachdem die Polizei zerschlagen, die Einheiten der Staatssicherheitsbehörde aufgelöst und die sowjetischen Truppen abgezogen waren, gab es keine öffentliche Ordnung mehr. Das konterrevolutionäre Gesindel plünderte und brandschatzte. Zu dieser Zeit wüteten in Budapest und auch in der Provinz Dutzende von Terrorkommandos der Konterrevolution. Auf den Straßen wurde gelyncht. Innerhalb einer Woche wurden nahezu dreihundert aus ihren Wohnungen oder Arbeitsstellen verschleppte Kommunisten ermordet. Die Zersetzung der öffentlichen Ordnung hatte am Abend des 23. Oktober begonnen, und am 28. Oktober gab es keinerlei öffentliche Ordnung mehr. Der Verkehr wurde lahmgelegt, die Produktion kam zum Stillstand.“23 Es gibt keinen sachlichen Grund, an dieser Darstellung zu zweifeln. Die Auswirkungen der Konterrevolution sind mit keinem objektiven Argument zu leugnen. Dazu kommt noch, dass die Konterrevolutionäre um die 3.000 politischen Gefangenen und etwa 10.000 Gemeinverbrecher aus den Gefängnissen herausließen24. Die ÁVH wurde am 28. Oktober aufgelöst und Nagy lehnte es ab, dass die sowjetischen Truppen, die in Ungarn stationiert waren, zu Hilfe kommen25. Nur dadurch wurden die konterrevolutionären Lynchmorde überhaupt erst möglich.

Natürlich hat Nagy die Ermordeten nicht unmittelbar verursacht in dem Sinne, dass er deren Ermordung angeordnet hätte. Er hat die Konterrevolutionäre „nur“ wütend lassen. Ein Bibelwort besagt: „Wer lässig ist in seiner Arbeit, der ist ein Bruder des Verderbers.“26 Nagy war nachlässig in seiner Position als Regierungschef der Volksrepublik Ungarn. Sicherlich hätte er auch nicht jeden konterrevolutionären Mord verhindern können, aber er hätte dagegen vorgehen müssen. Stattdessen ließ er die Liquidierung der ungarischen Volksdemokratie widerstandslos geschehen.

Als die linken Sozialrevolutionäre am 6. Juli 1918 den deutschen Botschafter Mirbach ermordeten, um einen Krieg zu provozieren, bat Lenin Stalin in einem Telegramm darum, „schonungslos gegenüber den linken Sozialrevolutionären“ zu sein27, diese Konterrevolution also zu zerschlagen. Stalin antwortete entsprechend: Was die Hysteriker betrifft, so seien Sie gewiß, daß unsere Hand nicht zittern wird. Mit Feinden werden wir auf Feindesart verfahren.“28 Das zeigt die notwendige, entschlossene Härte gegenüber konterrevolutionären Kräften, die Marxisten-Leninisten an den Tag legen müssen. Bei Nagy suchte man diese Härte vergebens; bei ihm fand man nur Kapitulantentum und Verrat an der Diktatur des Proletariats vor. Mao Tsetung schrieb im Oktober 1947 in einem Brief an Tschou Enlai: „Unterscheide nicht zwischen Kapitulationismus gegenüber dem Feind und Kapitulationismus gegenüber der Klasse, da diese ein und dieselbe Sache sind.“29 Nagy hat vor dem Klassenfeind militärisch kapituliert. Formell hat er zwar nie eine Kapitulationsurkunde unterschrieben, aber seine Taten kommen dem gleich. Das hatte wohl auch Hintergründe in seinen ideologischen Fehlern: Nagy erkannte zwar in Worten an, dass die Volksdemokratie eine Diktatur des Proletariats bedeutet, aber behauptete, ihre Entwicklung würde zum „schrittweisen Verzicht auf Gewaltanwendung“ führen30. Diese falsche, revisionistische These hängt sicherlich auch mit seinem Verhalten im Herbst 1956 zusammen.

Die Partei der Werktätigen Ungarns (MDP) wurde am 30. Oktober 1956 aufgelöst31. Wenn Imre Nagy ein waschechter Kommunist gewesen wäre, dann hätte er das nicht zugelassen, dass sich die marxistische Partei von selbst liquidiert. Es ist auch dadurch offensichtlich, dass Nagy nicht nur die Konterrevolution einfach geschehen ließ, sondern auch anfing, aktiv an ihr mitzuwirken.

Am 1. November 1956 verkündete Imre Nagy den Austritt aus dem Warschauer Vertrag und die „Neutralität“ Ungarns32. Damit versuchte er, Ungarn aus der Gemeinschaft der sozialistischen Staaten herauszulösen. Offenbar war das damit gemeint, als er in seinem sogenannten „Politischen Testament“ von „Vollbesitz der nationalen Unabhängigkeit und Volksfreiheit“ fabulierte33. Kádár warf Jahre später im Rückblick Nagy genau das vor sowie die „Unterwerfung unter den Einfluß der NATO-Imperialisten“ für den Fall, dass er damit durchgekommen wäre34. Die „Legalität“ dieses Schrittes wird von bürgerlicher Seite gerne unterstrichen, weil dies auch die außenpolitischen Bedingungen für die Liquidierung des Sozialismus geschaffen hätte. Am selben Tag begann aber Kádár sich offen von Nagy abzuwenden. Er sagte im Radio: „Das Blut der jungen Menschen, der Soldaten, Arbeiter und Bauern Ungarns wurde nicht vergossen, damit das Rakosi-Regime durch die Herrschaft der Konterrevolution ersetzt werden.“35 Die Nagy-Regierung nahm immer offener das Gesicht einer konterrevolutionären Regierung an.

Imre Nagy formte am 2. November 1956 sein Regierungskabinett um. Dieses bestand von nun an, außer ihm als Vorsitzenden, aus bekannten rechten Sozialdemokraten wie Anna Kéthly, bekannte Anhänger der bürgerlichen Partei der kleinen Landwirte und Mitglieder des rechten Flügels der Bauernpartei36. Kádár verglich die Rolle von Nagy in diesem Kabinett mit der des Sozialdemokraten Gyula Peidl, der vom 1. bis zum 6. August 1919 mit seiner „Gewerkschaftsregierung“ die Ungarische Räterepublik effektiv liquidierte37. Nach Peidl kam der Faschist Horthy an die Macht. Genauso sah Kádár Nagy als einen bloßen Platzhalter für die konterrevolutionäre Restauration an. Die vollständige Liquidierung der volksdemokratischen Ordnung in Ungarn wäre besiegelt gewesen, wenn die Revolutionäre Arbeiter-und-Bauern-Regierung mit János Kádár an der Spitze mithilfe der Sowjetarmee nicht ab dem 4. November 1956 das Blatt noch gewendet hätten. Wäre dies nicht geschehen, wäre Ungarn schon 1956 kein sozialistischer Staat mehr gewesen. Man kann Kádár vorhalten, dass sein Zentrismus letztendlich auch Revisionismus gewesen ist, aber zumindest für den Moment war er die bessere Wahl als Imre Nagy, der den Kapitalismus sofort restauriert hätte. Kádár war sich wenigstens dessen bewusst: „Es ist erwiesen, daß die revolutionäre Gewalt – wenn erforderlich – ohne Zögern und entschlossen gegen jeden angewendet werden muß, der die Volksmacht antastet.“38 Die Zerschlagung der konterrevolutionären Kräfte war letztendlich die Legitimationsquelle für Kádár gewesen, auf welche er sich jahrzehntelang berufen hat.

Mit einer Sache hatte Kádár aber durchaus recht, die mit den Herbstereignissen von 1956 zusammenhängt: „Die Politik der Rákosi-Clique hat eine günstige Situation für die Verräter und den Klassenfeind geschaffen und das Land an den Rand der Konterrevolution getrieben.“39 Wäre Rákosi nicht über Jahre hinweg einen politisch falschen Kurs gefahren, wäre es sicherlich nicht so weit gekommen im Jahre 1956. Außer seiner Wirtschaftspolitik fällt es schwer, positive Aspekte seiner Amtszeit zu benennen.

Zusammenfassend kann man sagen: Seine Unterlassung der Bekämpfung der Konterrevolution, die faktisch eine Kapitulation vor den faschistischen Putschisten darstellte, sowie die aktive Mitarbeit an der Liquidierung der volksdemokratischen Ordnung in Ungarn verdiente das vollstreckte Todesurteil. Imre Nagy war in der Praxis kein Kommunist, sondern ein Konterrevolutionär.

Nagy war ein Vorzeigekommunist der Partei!“

Mir ist keine Person bekannt – ob heutzutage oder zeitgenössisch lebend –, die diese These so aussprechen würde. Diese These schwebt mehr oder weniger im Raum bei den Nagy-Apologeten, ohne je ausgesprochen worden zu sein. Sie spiegelt im Wesentlichen wider, dass Nagy als der „bessere Kommunist“ im Vergleich zu Rákosi gesehen worden ist.

Walter Ulbricht hatte recht, als er sagte: „Wer wie Rákosi und Gerö die Grundprinzipien des Kommunismus auf die nationalen Besonderheiten seines Landes nicht schöpferisch und richtig anwendet, fügt dem sozialistischen Aufbau ungeheuren Schaden zu.“40 Während der Rákosi-Ära sind auf der politischen Ebene schwerwiegende Fehler begangen worden, welche zur Distanzierung der Partei von den Massen führte. Rákosis Fehler bedeuten aber nicht im Umkehrschluss, dass ein Revisionist wie Imre Nagy unbedingt die bessere Wahl gewesen wäre.

Imre Nagy äußerte sich natürlich in der Öffentlichkeit in Reden und Artikeln stets im Einklang mit dem Marxismus-Leninismus, woraus er in seinem sogenannten „Politischen Testament“ gerne ausführlich zitiert. In den im „Testament“ erstmals getätigten Aussagen finden sich aber Widersprüche zu seinen vorherigen offiziellen Aussagen – und damit meine ich nicht nur die offenkundige Abwendung von Stalin. An späterer Stelle werde ich auf die jeweiligen Aspekte tiefer eingehen und zitieren. Jedenfalls konnte der öffentliche Eindruck von Imre Nagy durchaus als eine Art „Vorzeigekommunist“ erscheinen, wenn man ihn nur aus seinen öffentlichen Erklärungen kannte. Das sogenannte „Politische Testament“ von ihm legt aber sein Inneres offen.

Nagy schrieb selbst an das ZK der MDP einen Brief, der am 14. Oktober 1956 öffentlich gemacht worden ist, in welchem er erklärte: „Ich erkläre mich mit dem leninistischen Prinzip des demokratischen Zentralismus einverstanden. Ich erachte deshalb die Parteibeschlüsse verbindlich für mich, auch wenn ich mit ihnen – teilweise oder im ganzen – nicht einverstanden bin.“41 Es ist unschwer zu verstehen, dass sich Nagy nur pro forma den Beschlüssen der MDP untergeordnet hat, damit er seine politischen Posten zurückerhalten kann, die er unter Rákosi verloren hatte. Seine Eigenwilligkeit schimmert auch in diesem kurzen Text durch. Wie sollte er sich auch dem Marxismus unterordnen, wenn er sich diesem im stillen Kämmerchen gegenüber längst abgewandt hat? Auch wurde durch ihn, wie bereits erwähnt, die MDP am 30. Oktober 1956 aufgelöst. Kein ehrlicher Kommunist würde die kommunistische Partei liquidieren!

Diese widerlegte These hängt mit einer weiteren These zusammen:

Nagy hat es verdient, Staat und Partei zu führen!“

Auch diese These wurde so wohl nie offen ausgesprochen, sondern stets impliziert. Diese Implikation lässt sich besonders daraus ableiten, dass an der Legitimität von Rákosi stets Zweifel geübt worden sind und werden, während Nagy unter bürgerlichen und revisionistischen Kräften weitgehend unumstritten dargestellt wird. Dieses „Verdienen“ wird daraus abgeleitet, dass man Nagy als einen Musterkommunisten darstellt (von revisionistischer Seite) oder (von bürgerlicher Seite) auf dessen „Mäßigung“ hinweist. Letztendlich ist diese These nichtig, weil die Legitimität eines Staatschefs stets aus Sicht der Klasseninteressen beurteilt wird und nicht auf eine abstrakte Weise. Niemals würde die bürgerliche Seite einen sozialistischen Staatschef als legitim anerkennen; niemals dürfen wir als Sozialisten eine bürgerliche Regierung als legitim ansehen.

Man kann auch nicht aus seiner angeblichen Popularität ableiten wollen, dass er eine Art „natürlich gewachsener Führer“ gewesen wäre. András Hegedüs sagte in den 80ern gegenüber Zoltán Zsille aus, dass Nagys Beliebtheit schwankte: Als zuständiger Minister für die Landreform stieg seine Popularität, während sie zwischen 1950 und 1953 auf dem Niveau war, wie jedes anderen ungarischen Politikers. Dies habe sich erst mit der Verkündung des Regierungsprogramms 1953 und vor allem nach seiner Absetzung als Ministerpräsident 1955 geändert42. Seine Beliebtheit stieg unter den Rákosi-Kritikern, welche zahlreich gewesen sind, aber sie machte auch, um es euphemistisch auszudrücken, konjunkturelle Schwankungen durch. Dass Imre Nagy letztendlich Staats- und Parteichef geworden ist, lag nicht an irgendwelchen Beliebtheitswerten, die ihm „natürlich“ dieses Amt beschert hätten, sondern primär am revisionistischen Einfluss innerhalb der Partei, die vor allem nach dem XX. Parteitag der KPdSU starken Aufwind erhielt. Es sei aber auch angemerkt, dass Nagy am 4. Juli 1953 Ministerpräsident geworden ist aufgrund des Drucks von Malenkow, Molotow und Chruschtschow, wie Nagy selbst zugab43. Er wollte damit die Behauptung zurückweisen, dass er diesen Posten auf Vorschlag von Rákosi erhalten hätte. Das war damals der Öffentlichkeit nicht bekannt und hätte seiner Beliebtheit sicherlich geschadet, wenn dieses Detail bekannt geworden wäre. Dieses Detail wird noch damit garniert, dass Nagy sich im sogenannten „Politischen Testament“ auf angebliche mündlich geäußerte Kritiken von Malenkow und Chruschtschow an Rákosi und Gerö beruft44. Offenbar waren sowjetrevisionistische Interventionen aus seiner Sicht nicht illegitim. Auch das nagt an seinem Image, wenn man davon weiß.

Mao Tsetung antwortete auf die Frage, eines amerikanischen Journalisten, ob Tschiang Kaischek der „natürliche Führer Chinas“ sei: „So etwas wie einen ´natürlichen Führer´ gibt es nirgends in der Welt.“45 Diese Aussage erfolgte vor allem aufgrund der Nichtanerkennung der Legitimität der bürgerlichen Herrschaft. Auch Nagy war keine Art „natürlicher Führer“ des ungarischen Volkes und Staates, sondern lediglich der Führer der ungarischen Revisionisten, die Ungarn auf den Pfad der Konterrevolution führen wollten.

Es sei wegen der Legitimität als eine Frage der Klasseninteressen angemerkt, dass entsprechend eine reaktionäre Klasse niemals eine revolutionäre Regierung dulden wird. Das kann man in der deutschen Spätfeudalzeit exemplarisch nachvollziehen. So heißt es in einer Chronik von Hessen-Kassel, dass die französische Revolution wegen eines „ausgearteten Freiheitsgefühls“ ausgebrochen sei46 und es „gerechten Unwillen in ganz Europa“ erregt hätte, als der „gute König“ Ludwig XVI. „grausam hingerichtet“ worden sei47. Ludwig XVI. galt also als „legitimer Herrscher“, die französische Bourgeoisie nicht. Wenn man sich diese versuchte Delegitimierung der revolutionären bürgerlichen Regierung von Frankreich anschaut, so erkannt man nicht nur, dass die Bourgeoisie damals genauso von feudaler Seite delegitimiert worden ist, wie die sozialistischen Staaten heute durch die Bourgeoisie, sondern auch, dass sich am prinzipiellen Muster nichts geändert hat: Die Führer der Reaktion werden beschönigt, die Führer der Revolution werden verteufelt. Heutzutage lässt sich kein bürgerlicher Historiker von diesem Ausdruck der feudalen Ideologie mehr beeindrucken; eines Tages wird sich kein sozialistischer Historiker mehr von der feindlichen Hetze der bürgerlichen Ideologie mehr beeindrucken lassen.

Mit der Legitimitätsfrage steht auch dies im Zusammenhang:

Nagy hatte jedes Recht, aus dem Warschauer Vertrag auszutreten!“

Die französischen „links“-bürgerlichen Intellektuellen um Albert Camus schrieben über Imre Nagys Austritt aus dem Warschauer Vertrag: „Es war die legale ungarische Regierung, die am 1. November 1956 den Pakt aufkündigte.“48 Formalrechtlich mag das stimmen. Aber auch hier sind wir wieder bei der Frage nach den Klasseninteressen. Wie bereits erwähnte, hat Kádár angemerkt, dass dieser Austritt die NATO auf den Plan gerufen hätte. Es gibt keine „Neutralität“ auf der politischen Ebene. Das Volk in Hessen hat im Jahre 1946 eine Verfassung angenommen, welche Artikel enthielt, die wirtschaftlich zu einer volksdemokratischen Ordnung hätten führen müssen. Die Umsetzung dieser Artikel wurde aber systematisch be- und verhindert durch die amerikanischen Besatzer und die bürgerlichen Politiker. Letztendlich nützt es wenig, sich auf Formalrechtliches zu berufen, getrennt von Klasseninteressen und realen Machtverhältnissen. Dadurch kann man historische Zusammenhänge nicht erklären, man kann nicht einmal Rechtsbrüche im Hier und Jetzt damit erklären.

Auch wird hier die rechtliche Lage nach absoluter Beliebigkeit ausgespielt. Die Reaktionäre hatten kein Recht darauf, einen konterrevolutionären Aufstand durchzuführen – das monieren Camus und Konsorten aber nicht, sondern, dass die vollständige Durchführung der Konterrevolution in Ungarn abgewendet worden ist. Hier zeigt sich klar ersichtlich, dass der von Camus und anderen vertretene Existenzialismus bloß eine Ideologie war, die linke Intellektuelle vom Sozialismus fernhalten sollte49.

Nagy war ein Märtyrer des Eurokommunismus!“50

Dieser Mythos stammt aus der Feder von Stephen Borsody aus den 70er Jahren. Diese Behauptung erscheint sehr unpassend, auch wenn Borsody zurecht anführt, dass Nagys „Philosophie des Kommunismus im Widerspruch zum sowjetischen Totalitarismus standen“51, auch wenn Borsodys Charakterisierung des Sozialismus in der Sowjetunion als „totalitär“ natürlich genauso inkorrekt ist wie die Einordnung Nagys als ein waschechter Kommunist. Man versteht aber, was im Kern gemeint ist: So wie die Euro“kommunisten“ der 70er Jahre in Konflikt mit dem Sozialismus in der Sowjetunion standen, so habe Nagy auch in Konflikt gestanden. Selbstverständlich war Imre Nagy ein Revisionist, was ihn im Wesen nicht von den Euro“kommunisten“ unterschied und genauso selbstverständlich war ihr jeweiliger Parteikurs entsprechend revisionistisch. Der Hauptunterschied liegt aber darin, dass die euro“kommunistischen“ Parteien bloß linkssozialdemokratische Parteien darstellten, die keine Chance hatten, jemals die Regierung zu stellen geschweige denn, eine Revolution durchzuführen, während Nagy konkret an einer Konterrevolution in einem sozialistischen Staat mitbeteiligt gewesen ist. Außer im Revisionismus als Grundlage gibt es keine Überschneidungen zwischen Nagy und dem Euro“kommunismus“, aber das ist kein Alleinstellungsmerkmal. Borsody interpretiert Nagy also außerhalb vom materiellen und zeitlichen Kontext.

Natürlich erkannte er als Revisionist auch die Chruschtschowsche Theorie vom „friedlichen Sieg des Sozialismus“ an, aber erklärte selbst, dass diese „ausgebaut und weiterentwickelt“ werden müsste52. Die Euro“kommunisten“ bauten offensichtlich auf dieser erwiesenermaßen völlig falschen Theorie auf, aber Imre Nagy war von dieser nicht abhängig in Ungarn: Er musste nicht den Versuch anstellen, eine Diktatur der Bourgeoisie per Reform zu einem sozialistischen Staat umzuwandeln, wie es etwa in Chile Jahre später mit tragischem Ende versucht worden ist.

Kurzum: Nagy war ein „Märtyrer des Revisionismus“, wenn man ihn überhaupt als solchen bezeichnen kann.

Nagy war kein Titoist!“

Diese Behauptung stammt von Imre Nagy selbst, wenn er sie auch nicht wortwörtlich ausgesprochen hat. So verwehrte er sich in seinem sogenannten „Politischen Testament“ dagegen, als „neuer Tito“ bezeichnet zu werden53. Auch wenn er in Worten so einige marxistisch-leninistische Grundsätze anerkannte, wie zum Beispiel die Notwendigkeit der Kollektivierung, so ist das noch keine Gewähr dafür, dass er es damit ernst meinte. Sein sogenanntes „Politisches Testament“ enthält viele Anerkennungen marxistischer Grundlehren, die an späterer Stelle revidiert werden. Nagy war bereits in seinen theoretischen Schriften im Widerspruch zu sich selbst. Gomulka in Polen erkannte formell auch einige essentielle Grundsätze des Marxismus-Leninismus für den sozialistischen Aufbau an, die er aber in der Praxis und auch unter ideologischen Euphemismen verborgen revidierte54. Von Nagy konnte man nicht sehen, wie er die Volksrepublik Ungarn geführt hätte, weil das einzige, was er als Staats- und Parteichef tat, deren Liquidierung durch Kapitulation vor offenkundig konterrevolutionären Kräften bedeutete. Aus diesem Grund wäre ein direktes Vergleich zu Gomulka pure Spekulation. Was aber dokumentiert ist, ist seine pro-titoistische Haltung in ideologischen Fragen.

Allem voran sah Nagy Tito nicht als Revisionisten an. Er behauptete über Tito-Jugoslawien: „Jugoslawien ist ein Land, das den Sozialismus aufbaut, weil in der Industrie, im Verkehrswesen, im Bankwesen und im ganzen Großhandel und im überwiegenden Einzelhandel das gesellschaftliche Eigentum an den grundlegend wichtigen Produktionsmitteln verwirklicht ist.“55 Tito selbst sagte aber bereits im Jahre 1950: Das Staatseigentum ist das niedrigste des gesellschaftlichen Eigentums, nicht das höchste, wie die Führer der UdSSR sich das vorstellen.“56 Das bedeutet, dass selbst wenn Nagys Aussage stimmen würde, Tito dieses angeführte Staatseigentum nicht aus marxistischer Sicht betrachtet. Nagy sieht auch nicht das Problem der Kleinproduktion und auch nicht das Problem der Marktwirtschaft in Jugoslawien („Arbeiterselbstverwaltung“), welches aufgekommen ist durch die Beseitigung der Planwirtschaft. Die KPdSU unter Stalin hielt Tito-Jugoslawien unter anderem diese Punkte vor, die den sozialistischen Aufbau in Jugoslawien unmöglich machten. Diese Position hier ausführlich zu zitieren erscheint aber als wenig hilfreich an dieser Stelle, weil diese zum einen hinreichend bekannt ist und zum anderen Nagy diese ohnehin als „Dogmatismus“ bezeichnete.

Er behauptete: „Die dogmatische Auslegung des Marxismus-Leninismus erkennt als einzige spezifische Form des besonderen Weges des Sozialismus in der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus als die Volksdemokratie an. Jedoch behandelt sie die Volksdemokratie schablonenhaft, schreibt in allen Volksdemokratien die Anwendung der gleichen Methoden und Formen und das gleiche Entwicklungstempo vor und erkennt nicht an, daß die spezifischen Verhältnisse in den einzelnen Ländern der Volksdemokratie wesentliche Unterschiede aufweisen.“57

Die Volksdemokratie muss nicht „schablonenhaft“ die „gleichen Methoden und Formen im gleichen Entwicklungstempo“ anwenden. Das zeigt alleine eine Vergleich der Mongolischen Volksrepublik mit anderen volksdemokratischen Staaten. Die volksdemokratischen Staaten wandten alle ähnliche Methoden an, die Formen waren auf vielen Gebieten ähnlich, aber nicht unbedingt identisch, und das Entwicklungstempo unterschied sich zum Teil deutlich. Die nationalen Bedingungen mögen sich zum Teil sehr unterschieden und entsprechend sich die Periode verlängern. In der Mongolei dauerte die volksdemokratische Phase zwei Jahrzehnte. Den Aufbau einer volkseigenen Industrie und kollektivierten Landwirtschaft sowie die sozialistische Umgestaltung von Handel und Handwerk auf Grundlage einer Planwirtschaft – da führte in all den Ländern kein Weg vorbei beim Aufbau des Sozialismus. Ansonsten wäre die Abschaffung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen unmöglich gewesen.

Es ist bekannt, dass sich Chruschtschow im Jahre 1955 mit Tito faktisch aussöhnte, was ein Einknicken vor dem Tito-Revisionismus bedeutete. Diese Tatsache nutzte Nagy, um der Parteiführung unter Rákosi vorzuwerfen, den Kampf gegen den Titoismus „in getarnter Form“ fortzuführen58. Nagy bezeichnete den Kominform-Ausschluss Jugoslawiens als „größte und folgenschwerste Provokation in der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung“59. Bei dieser angeblichen „Provokation“ und angeblichem „Bruderzwist“ sieht Nagy in Mátyás Rákosi jemanden, der dafür „schwere Verantwortung“ trage60. Damit übertreibt er die internationale Bedeutung Rákosis, um damit eine Hinwendung zu einer auf dem Revisionismus fußenden Zusammenarbeit zwischen Ungarn und Jugoslawien hinzuarbeiten.

Nagy geht sogar so weit, die allgemeingültigen sozialistischen Grundsätze als „stalinistische Dogmen“ abzutun und in titoistischer Weise zu fordern, dass man „besondere Wege zum Sozialismus“ anerkennt. Er schreibt:

Der einzig richtige Weg der Gegensätze besteht darin, daß wir die antimarxistische Anschauung von der allgemeinen und obligatorischen Gültigkeit der im Zeichen der Stalinschen ideologischen Alleinherrschaft geoffenbarten Dogmen und Schemen verwerfen und an ihre Stelle die Marxsche-Leninsche These von den besonderen Wegen zum Sozialismus, die fünf Grundsätze nationalen Seins und den Grundsatz der ideologischen Nichteinmischung setzen.“61

Es ist offensichtlich, dass Nagy sich auf diese Aussage von Lenin bezieht:

Alle Nationen werden zum Sozialismus gelangen, das ist unausbleiblich, aber keine auf genau die gleiche Art und Weise, jede wird zu dieser oder jener Form der Demokratie, zu dieser oder jener Abart der Diktatur des Proletariats, zu diesem oder jenem Tempo der sozialistischen Umgestaltung der verschiedenen Seiten des gesellschaftlichen Lebens etwas Eigenes beitragen. Nichts wäre theoretisch jämmerlicher und in der Praxis lächerlicher, als sich ´im Namen des historischen Materialismus´ in dieser Hinsicht die Zukunft grau in grau vorzustellen: das wäre so etwas wie die Pinseleien der Susdaler Ikonenmaler, nichts anderes.“62

Lenin sagte, dass die verschiedenen Nationen „nicht auf die genau gleiche Art und Weise“ zum Sozialismus käme, aber nicht, dass es keine allgemeingültigen, vergleichbaren und gewissermaßen obligatorischen Schritte gibt, die jedes Land unternehmen muss auf dem Vormarsch zum Sozialismus. Offensichtlicherweise war die Situation in Ungarn mit der von Deutschland nicht identisch, aber dennoch haben beide Länder die Großunternehmen in Volkseigentum überführt, eine Landreform durchgeführt, die Kollektivierung begonnen und so weiter. Nagy verfälscht also offen den Marxismus-Leninismus. Damit war Nagy als Ideologe auf titoistischem Kurs angelangt, wenn er auch die Kollektivierung de jure nicht verwarf. In Polen unter Gomulka konnte man sehen, wo ein solcher Kurs hinführt.

In Polen regierte zur Zeit der Abfassung des sogenannten „Politischen Testaments“ noch nicht Gomulka, der Tito-Jugoslawien kopierte. Dennoch schien es in Polen revisionistische Abweichungen in der Genossenschaftspolitik vorher gegeben zu haben. So schrieb Nagy davon, dass das Zentralorgan der PZPR „Trybuna Ludu“ im August 1955 berichtet habe, dass auch die Einzelbauernwirtschaften mit modernster Technik gefördert werden sollen63. Das dürfte auch erklären, wieso Gomulka 1956 festhielt, dass lediglich 6% der polnischen Bauernschaft kollektiviert gewesen sei: Es gab keinen rechten materiellen Anreiz, Genossenschaftsbauer zu werden. Nagy fragte: „Warum aber ist das, was in der ungarischen Volksdemokratie als eine opportunistische, antimarxistische, schädliche ´rechte´ Abweichung gilt, in der polnischen Volksdemokratie eine marxistisch-leninistische Politik? Oder sollten etwa auch die Polen jenen gefährlichen Irrweg eingeschlagen haben?“64 Nagy versuchte also mit dem Verweis auf revisionistische Tendenzen in Polen ein Vorbild anzuführen für seine künftige Agrarpolitik.

Man kann sich deshalb nicht sicher sein, ob Imre Nagy es mit der Kollektivierung ernst meinte, da er sie zwar in offiziellen Reden vertrat, dafür aber im sogenannten „Politischen Testament“ einige Aussagen tätigte, die, in die Praxis umgesetzt, der Kollektivierung hinderlich gewesen wären.

Nagy hätte die Wirtschaft besser geführt als Kádár!“

Diese Aussage lässt sich anhand des sogenannten „Politischen Testaments“ relativ leicht widerlegen. Natürlich kann man immer behaupten, Wort und Tat seien zweierlei Dinge. Mao Tsetung sagte schließlich: „Was auf dem Papier steht, ist noch nicht Wirklichkeit.“65 Prinzipiell aber unterscheiden sich Nagy und Kádár auf wirtschaftlichem Gebiet nicht sehr stark.

Nagys Darlegung der erweiterten Reproduktion im Gegensatz zur einfachen Reproduktion ist im Wesentlichen richtig, wenn auch eben kurz heruntergebrochen66. Lenin bezeichnete die Schwerindustrie als „Hauptbasis des Sozialismus“67. Nagy stellte das nicht prinzipiell in Frage, geht man nach seinen Worten. Der Vorrang der Produktion von Produktionsmitteln wird von ihm anerkannt68, wobei er aber auch auf mögliche Disproportionen hinwies69. Dann fängt er jedoch an zu attackieren, dass in Ungarn die Schwerindustrie im Vergleich zum Vorkriegsstand auf das Siebenfache und der Maschinenbau um das Fünffache gestiegen sei unter Ignorierung der Lebenshaltung der Werktätigen70. Er monierte, dass die Landwirtschaft stagniere und die Leichtindustrie nur 2,3 mal so viel produziert haben soll im Vergleich zur Vorkriegszeit71. Überprüfen kann ich diese Angaben nicht. Sogar bürgerliche Akademiker wie Paul Jónás erkannten an, dass sich das Prokopfeinkommen in Ungarn zwischen 1952 und 1956 erhöht hat, auch wenn viele Ungarn das Einkommen dennoch als „untolerierbar niedrig“ wahrnahmen72. So schlecht kann die Wirtschaftspolitik der Rákosi-Ära also nicht gewesen sein. Imre Nagy übertrieb aus rein politischem Kalkül heraus.

Es ist klar, dass man das Wachstum der Schwerindustrie nicht als einen Selbstzweck betrachten darf. Wäre der Kurs einfach unreflektiert so weiter fortgesetzt worden, hätte Nagy sicherlich recht gehabt. Ihm ging es aber darum, dass es bereits ein Fehler gewesen wäre, die Schwerindustrie so zu forcieren. Mao Tsetung wies auch daraufhin, dass die Schwerindustrie primär entwickelt werden muss, man aber genauso wenig die Leichtindustrie und die Landwirtschaft aus dem Auge verlieren darf, machte aber stets klar, dass die Schwerindustrie die hauptsächlichen Investitionen erhält, auch wenn man in Leichtindustrie und Landwirtschaft den Investitionsanteil etwas erhöhen sollte73. Nagy hingegen stürzte sich in einer Weise auf die Entwicklung der Schwerindustrie, dass man ihm nur schwer abnehmen kann, dass er diese Kritik aus ehrlichem Interesse an einer Lösung geübt haben soll. Auch wenn die Schwerindustrie möglicherweise in Ungarn überproportional entwickelt worden ist für die damalige Zeit (was erst einmal zu überprüfen wäre), dann wäre das nicht so dramatisch, wie er es darzustellen versucht. Die Schwerindustrie als Basis der Wirtschaft ermöglicht es, die Leichtindustrie und Landwirtschaft mit Maschinen und Rohstoffen zu versorgen, um Konsumgüter und Nahrungsmittel zu produzieren. Das Kind war wirtschaftlich so oder so nicht in den Brunnen gefallen zum Zeitpunkt von Nagys Kritik. Er selbst erkannte an, dass die Schwerindustrie primär entwickelt werden muss, um in Zukunft die Voraussetzungen für die Leichtindustrie zu schaffen, wirft aber dennoch ein „zu schnelles Tempo“ der Entwicklung und gar eine „Überindustrialisierung“ vor74. Außerdem behauptete Nagy, dass die schnelle Industrialisierung eine „Kluft“ zwischen Industrie und Roh- und Grundstoffbasis schaffen würde, was wiederum zur Verschuldung im Ausland führen würde75. Diesen Zahn kann man ihm aber am Beispiel der DDR relativ leicht ziehen: Die DDR hatte kaum eigene Rohstoffe, abgesehen von Braunkohle, etwas Steinkohle und Uran. Sie war von Anfang an auf Eisenerzimporte aus der Sowjetunion angewiesen. Nagy lässt es so erscheinen, als würden Fabriken nur Rohstoffe verbrauchen, aber dafür keine Produkte erzeugen, die man wiederum exportieren könnte. Nagy verwehrte sich gegen den Beschluss des ZK der MDP, in welchem ihm eine Rechtsabweichung auf dem Gebiet der Industrialisierung vorgeworfen worden ist76, aber Anbetracht seiner Äußerungen erscheint diese Kritik nicht völlig an den Haaren herbeigezogen zu sein.

Nagy behauptete immer von sich, dass er in der Frage der Kollektivierung stets den Standpunkt des Marxismus-Leninismus eingenommen hätte77. Vor der Akademie der Wissenschaften betonte Nagy in einer Rede die Wichtigkeit eines „Netzes von Maschinenstationen“ für die Genossenschaften in der Landwirtschaft78. Am 23. September 1953 stellte Nagy in Kecskemét klar, dass der Austritt aus der Produktionsgenossenschaft auch zur Übernahme eines Anteils an eventuellen Schulden von dieser verpflichte79. Und am 29. September 1953 sagte er auf einer Beratung der LPGs des Komitats Bács, dass nur die Genossenschaften und nicht die Kleinbauernlandwirtschaft die Produktion voranbringen könnte80. Er nannte die kleine Warenproduktion bereits im Juli 1951 einen „Hemmschuh“ für die Entwicklung81. Um es nicht noch weiter in die Länge zu ziehen: In der Theorie war Nagy für die Kollektivierung der Landwirtschaft. Er besaß aber einige fragwürdige Ansichten zur kleinen Warenproduktion, die an anderer Stelle abgehandelt werden sollen.

An dieser Stelle sei auch erwähnt, dass Imre Nagy behauptete, Mátyás Rákosi habe seit Juni 1953 „unzählige Male“ gefordert, eine künstliche Arbeitslosigkeit einzuführen, um die Arbeitsdisziplin und Produktivität zu steigern. Nagy kritisierte dies zurecht als kapitalistische Methoden, die mit dem Sozialismus unvereinbar sind82. Nagy bemüht sich aber in keinster Weise, seine Aussage zu belegen. Rákosi war angeblich der unumstrittene Parteiführer, der alles eigenwillig habe bestimmen können – wieso wurde das also nicht eingeführt? Weil Nagy sich damit nicht einverstanden erklärte? Nagy betonte doch stets, dass seine Meinung übergangen worden sei. So eine Behauptung erscheint wenig authentisch und klingt eher nach dem Versuch, sich selbst besser darzustellen. Stalin jedenfalls lehnte solche Methoden ab und beschwerte sich über eine relativ hohe Fluktuation der Arbeitskraft in den Betrieben, welche er unbedingt abgeschafft sehen wollte83. Ziel war es, die Arbeiter langfristig an die Betriebe zu binden. Rákosi, dem „besten ungarischen Schüler Stalins“, dürfte dieser Wirtschaftstheorieaspekt nicht unbekannt gewesen sein.

Nagy unterstellte auch Ernö Gerö, dass dieser eine „gewaltsame Kollektivierung“ gewollt habe84, bloß weil er äußerte, dass Ungarn günstigere technische Bedingungen besitzen würde, als die frühe Sowjetunion85. Es ist offensichtlich, dass es sich dabei um eine Überinterpretation handelt, die nur dem Zweck dienen soll, Gerö zu bezichtigen. Nagy versuchte nicht einmal seine Anschuldigung zu beweisen – anders als seine Versuche, seine ideologische Unschuld zu beweisen, indem er öffentliche Reden, die er gehalten hat, dafür als Belege herangezogen hat.

Unter János Kádár wurde die Entwicklung der Leichtindustrie mehr vorangetrieben und die Kollektivierung der Landwirtschaft abgeschlossen. Vor der Einführung der Marktreformen, die 1966 auf dem IX. Parteitag der MSZMP als „Neuer Ökonomischer Mechanismus“ angekündigt worden sind, gab es im großen Ganzen keinen vollständigen radikalen Bruch mit der sozialistischen Wirtschaftspolitik der Rákosi-Ära, wenn es auch schon gewisse „Sollbruchstellen“ in die ungarischen Wirtschaft implementiert worden sind, die später den Marktreformen Vorschub leisteten. Dies hier abzuhandeln führt aber über die Ausgangsthese weit hinaus. Dieses Thema habe ich bereits gesondert abgehandelt86. Nimmt man Nagy beim Wort, dann hat Kádár die monierten Probleme behoben in der Wirtschaftspolitik – zumindest, wenn man nicht über das Jahr 1966 hinaussieht.

Die Sichtweisen auf die Wirtschaftspolitik unter Rákosi von beiden war auch diametral entgegengesetzt. Nagy behauptete: „Wer den Neuen Kurs zu einer kapitalistischen Entartung und die heutige Politik der Parteiführung zum einzig gangbaren Weg zum Sozialismus erklärt, macht – objektiv gesehen – in den Augen der Massen Reklame für den Kapitalismus.“87 Nagy ließ kein einziges gutes Haar an der Wirtschaftspolitik unter Rákosi. Er warf sogar den Vorwurf der „Entartung der Diktatur des Proletariats“ in den Raum88, welche den sozialistischen Aufbau ausschließen würde. Immerhin war er bereit eine Teilschuld zu übernehmen als Kollektivmitglied unter Rákosi an der angeblich „schädlichen Wirtschaftspolitik“89. Kádár war deutlich differenzierter: „Die jetzige politische Linie der Partei ist nicht etwa neu. Zwar gab es beim Aufbau des Sozialismus vor 1956 Fehler und Verzerrungen, doch das ändert nicht das geringste an der Tatsache, dass in Ungarn auch vor 1956 unter Führung der Ungarischen Partei der Werktätigen der Sozialismus aufgebaut wurde. Unsere Partei führt jetzt die Politik des Aufbaus des Sozialismus fort.“90 Bekanntlich war Kádár alles andere als ein glühender Anhänger von Rákosi und dennoch erkannte er ehrlich an, was unter Rákosi erreicht worden ist. Von dieser Position aus konnte Kádár konstruktiv voranschreiten, während Nagy offensichtlich eher eine Vernichtungskritik im Sinn hatte.

Es ist an dieser Stelle auch erwähnenswert, dass die Revolutionäre Arbeiter-und-Bauern-Regierung unter der Führung von János Kádár ausgiebige Hilfen von den befreundeten sozialistischen Staaten erhielt, um die Schäden der Konterrevolution zu überwinden. Kádár bat in einem Schreiben an die Regierungen der sozialistischen Bruderländer vom 5. November 1956 als Bitte: „Wir benötigen jetzt besonders Lebensmittel, Brennstoff, Baumaterialien und Medikamente.“91 Die angeforderten Hilfsgüter ließen nicht lange auf sich warten.

Die Sowjetunion sagte folgende Soforthilfe zu92:

Produkttyp Menge
Getreide und Mehl 50.000 Tonnen
Fleisch 3.000 Tonnen
Tafelbutter 2.000 Tonnen
Milchkonserven 3 Millionen Dosen
Zucker 5.000 Tonnen
Zement 10.000 Tonnen
Nutzholz 10.000 Kubikmeter
Rundholz 5.000 Kubikmeter
Fensterglas 300.000 Quadratmeter
Walzbleche 1.000 Tonnen
Eisenwalzgut 3.000 Tonnen

Außerdem wurde angekündigt, die für das erste Quartal 1957 vertraglich vorgesehene Warenpensum vorfristig zu liefern und notwendige Medikamente zu schicken.

Die Volksrepublik China sagte einer Hilfe im Wert von 30 Millionen Rubel zu93. Angesichts dessen, dass China damals selbst noch ein sehr rückständiges Land gewesen ist und entsprechend prinzipiell sämtliche Produktion selbst benötigt hätte, war das ein beachtenswerter Akt der internationalistischen Hilfe.

Auch die Deutsche Demokratische Republik ließ materielle Hilfe Ungarn zukommen94:

Produkttyp Menge
Fensterglas 100.000 Quadratmeter
Dieselkraftstoffe 5.000 Tonnen
Lederschuhe aus Schweinsleder 300.000 Paare
Schuhe aus Austauschstoffen 80.000 Paare
Hausschuhe 30.000 Paare
Decken 10.000
Strümpfe 100.000 Paare
Dauerbackwaren 500 Tonnen
Teigwaren 500 Tonnen
Fleischkonserven einschließlich Konserven von tischfertigen Gerichten 500 Tonnen

Das war ein praktischer Beweis der deutsch-ungarischen Freundschaft. Otto Grotewohl schlug außerdem vor, eine Regierungsdelegation nach Budapest zu schicken, um über Hilfsmaßnahmen zu beraten. Dieses Treffen fand auch genau eine Woche später, am 20. November 1956, statt. Bei der Gelegenheit bedankte sich die ungarische Seite für die deutsche Unterstützung95.

Genauso ein praktischer Beweis war auch, dass die frisch verbotene und somit schwer verfolgte KPD (West) trotz ihrer existenzbedrohenden Probleme Ungarn 1.000 Westmark zukommen ließ als Symbol der Solidarität zwischen der deutschen und der ungarischen Arbeiterklasse96. Im März 1957 bedankte sich die MSZMP gegenüber der KPD (West) für ein Geschenk von Kasseler Arbeitern97, wobei unklar ist, um was es sei dabei handelte.

Imre Nagy hätte für seinen vollständigen Verrat am Sozialismus sicherlich nicht derartige Hilfe für die ungarische Volkswirtschaft erhalten, bestenfalls einen Judaslohn zu hohen Zinsen vom imperialistischen Westen, wenn überhaupt. Judas erhielt wenigstens 30 Silberlinge98, Nagy hätte ein ruiniertes Land erhalten.

Nagy wollte keinen Kapitalismus!“

Der Vorsitzende von Munkáspárt (Arbeiterpartei) Gyula Thürmer behauptete 2020 in einem Interview, dass Kádár in einem Gespräch mit Gorbatschow 1985 gesagt hätte, dass Imre Nagy den Kapitalismus nicht habe restaurieren wollen99. Mal ganz abgesehen davon, dass Thürmer keine zuverlässige Quelle für diese Aussage anführt, was in diesem Falle unerheblich ist, ist diese Behauptung nicht richtig.

Man kann Nagy vielleicht noch subjektiv bescheinigen wollen, den Kapitalismus nicht gewollt und sich als Kommunist gesehen zu haben; man kann aber nicht behaupten, dass Nagys Theorie nicht in den Kapitalismus zurückgeführt hätte. Das zeigt sich ganz prominent am Beispiel der Rolle der kleinen Warenproduktion.

Nagy behauptete: „Es wäre falsch, den demokratischen nicht-genossenschaftlichen Sektor der Landwirtschaft in Gegensatz zum genossenschaftlichen Sektor zu bringen, der der Entwicklung zum Sozialismus den Weg bereitet, und ihn einfach als einen kapitalistischen Sektor anzusehen.“100 Er schrieb weiter, dass die Kulakenwirtschaften kapitalistisch seien, aber nicht die kleine Warenproduktion der Klein- und Mittelbauern.

Die kleine Warenproduktion dem kapitalistischen Sektor nicht zurechnen zu wollen, ist eine falsche und schädliche Anschauung, sofern sie denn aus einem ehrlichen Fehler herrührt. Da Nagy aber an anderer Stelle zeigt, dass er durchaus Ahnung von der marxistischen Wirtschaftstheorie besitzt, kann man nicht von einem Versehen sprechen, sondern muss von Absicht ausgehen. Nagy übersieht nämlich, dass die kleine Warenproduktion durch ihre Marktkonkurrenz zum Kapitalismus führt. Eben aus diesem Grund sagte Lenin: […] die Kleinproduktion aber erzeugt unausgesetzt, täglich, stündlich, elementar und im Massenumfang Kapitalismus und Bourgeoisie.“101 Nagy hat für die Momentaufnahme recht, dass die kleine Warenproduktion „nicht kapitalistisch“ ist, aber verkennt, dass sie es sein wird, wenn man sie so weiterlaufen lässt.

Stalin schrieb: Die Warenproduktion führt nur in dem Fall zum Kapitalismus, wenn das Privateigentum an Produktionsmitteln besteht, wenn die Arbeitskraft als Ware auf den Markt tritt, die der Kapitalist kaufen und im Produktionsprozeß ausbeuten kann, wenn folglich im Lande das System der Ausbeutung der Lohnarbeiter durch die Kapitalisten besteht. […] Ohne dies gibt es keine kapitalistische Produktion.“102

Waren diese Bedingungen im damaligen Ungarn gegeben? In der Landwirtschaft auf jeden Fall und man hätte sie ohne die vollständige Kollektivierung per Dekret beseitigen können, eben wegen dieser der kleinen Warenproduktion innewohnenden Tendenz, von der Lenin sprach. Imre Nagy wandte sich gegen die Beschuldigung der Rechtsabweichung durch András Hegedüs und Ernö Gerö103 und berief sich auch darauf, dass er bereits im Jahre 1946, angeblich früher als alle anderen, für genossenschaftliche Großbetriebe in der Landwirtschaft ausgesprochen habe104. Das beißt sich aber andererseits damit, dass Nagy aus dem Beschluss des ZK der MDP vom Juni 1953 zitiert, dass die Kollektivierung in „überstürztem Tempo“ durchgeführt worden sei und seine Position dagegen „fälschlicherweise“ als opportunistisch eingeordnet worden wäre105. Ungarn hat bereits 1949 mit der Kollektivierung der Landwirtschaft begonnen, als die volksdemokratische Ordnung noch nicht einmal richtig Fuß gefasst hatte. Wenn Nagy, wie er behauptet, dies noch früher hätte beginnen wollen (was wenig glaubwürdig erscheint), dann hätte dies noch mehr Probleme verursacht. Es hätte sich dabei um eine „linke“ Abweichung gehandelt, die dem sozialistischen Aufbau genauso Schaden hinzugefügt hätte, wie die Kollektivierung abzubrechen. Vom verfrühten Startzeitpunkt der Kollektivierung nahm die Reputation der Partei und dieser Maßnahmen ohnehin schon Schaden. Aus diesem Grund fing die DDR auch „erst“ im Jahre 1952 damit an, als das Bewusstsein dafür vorhanden gewesen war und die volksdemokratische Ordnung bereits Fuß gefasst hatte. Ansonsten würde man ein Haus ohne Fundament bauen – ein Haus, das beim ersten Windstoß in sich zusammenbrechen würde.

Wie bereits erwähnt, stellte Nagy formell zu keiner Zeit die Kollektivierung der Landwirtschaft offen in Frage. Andererseits muss man aber sagen, dass dies bei Gomulka formell auch nicht der Fall gewesen ist, Polen aber dennoch aufgrund seiner Politik nie kollektivierte. Dieses Argumentationsmuster für die kleine Warenproduktion aber und Nagys Verteidigung Tito-Jugoslawiens lassen zumindest den dringenden Verdacht zu, dass er im Prinzip die Kollektivierung gar nicht wollte. Jedenfalls erkenne ich Parallelen zu Gomulka.

Nagy mag sich in seinem sogenannten „Politischen Testament“ als ein marxistischer Theoretiker aufgespielt haben, aber Worte wiegen keine Taten auf. Er war nicht einmal der einzige Ungar, der derartige Thesen vom Stapel ließ.

Es gab auch Teile der konterrevolutionären Kräfte in Ungarn, die den Sozialismus pro forma nicht in Frage stellten und stattdessen von „Arbeiterräten“ sprachen. In Worten sollte den Kapitalisten das Eigentum nicht zurückgegeben werden. Auch die offizielle Geschichtsschreibung der MSZMP erwähnt, dass einige der an der Konterrevolution beteiligten revisionistischen Gruppen die Losung „Betriebe geben wir nicht zurück!“ ausgaben106. Diese Gruppierungen forderten aber auch die Beibehaltung der Einzelbauernwirtschaften, die Abschaffung der planmäßigen Ablieferungspflichten in der Landwirtschaft und staatliche Garantieren für den Bestand der kleinen Privatindustrie und des privaten Kleinhandels107.

Man kann deren Forderungen mit den Aussagen von Imre Nagy durchaus vergleichen (abgesehen davon, dass diese Nagy als Regierungschef ausdrücklich billigten108), da diese in Worten am Sozialismus festhielten, um die Werktätigen ideologisch zu benebeln, ihn in Taten aber sabotieren um ihn langfristig zu liquidieren.

Ich wiederhole also: Selbst wenn man Nagy Gutgläubigkeit unterstellt, sodass er also subjektiv den Kapitalismus nicht hätte restaurieren wollen, so hätte er ihn objektiv mit seinem revisionistischen Kurs restauriert. Der subjektive Wille ist vor der objektiven Tat nebensächlich.

Nagy war ein geläuterter Stalinist!“

Gáspár Miklós Tamás sah Imre Nagy als einen „geläuterten Stalinisten“ an, wobei er den Begriff „Stalinist“ sogar so weit fasste, dass er unter anderem László Rajk und János Kádár derart kategorisierte109. Das macht diesen Mythos zu einer offenkundig schwach fundierten These.

Dass unter Rákosi der Stalin-Kult in besonders ausgeprägter Weise betrieben worden ist, ist bekannt. So nannte Rákosi Stalin „großen Lehrer“110 und übertrieb dessen Rolle in der Geschichte massivst. So sagte Rákosi zu Stalins 70. Geburtstag: „Seit die Geschichte der Menschheit geschrieben wird, lebte und wirkte noch kein Führer der befreiten Völker, dessen Wirkung und Einfluß so breit, so tief und bleibend gewesen wäre, den so eine begeisterte Liebe und Achtung vieler hundert Millionen umgeben hätte, wie dies beim Führer und Lehrer der Werktätigen der Welt, bei Stalin, der Fall ist.“111 Rákosi sagte auch: „Neben Lenin ist Stalin der größte epochenändernde und epochenschaffende Mann, den die Geschichte kennt.“112 Solche Jubeltöne waren selbst in den sozialistischen Staaten der damaligen Zeit nicht in diesem Ausmaß üblich. Stalin beschwerte sich am 23. Februar 1946 in einem Brief: Das Ohr verletzen auch die Lobeshymnen auf Stalines ist einfach peinlich, sie zu lesen.“113 Dies hätte Stalin wohl auch gegenüber Rákosi geäußert angesichts dieses bis zur Karikatur gesteigerte Personenkultes.

Es ist ebenfalls bekannt, dass Imre Nagy sich an Kult-Äußerungen über Stalin beteiligt hat, wenn auch nicht so übertrieben wie Rákosi. Zwei Beispiele dafür: Er hielt am 7. November 1952 eine Rede anlässlich des 35. Jahrestages der Oktoberrevolution, in welcher er vom „großen Stalin“ spricht114. Er hielt 1953 nach dem Tode Stalins eine Rede aus eben diesem Anlass vor der ungarischen Nationalversammlung, in welcher er Stalin unter anderem als „Lehrer“ und „größten Helfer“ bezeichnete115. Nagy äußert sich in seinem „Politischen Testament“ noch positiv über Stalin. Das lag sicherlich nicht daran, dass er ein völlig überzeugter Anhänger Stalins gewesen wäre. An anderen Stellen im selben Buch äußerte sich Nagy wiederum sehr stalinfeindlich116. Auch grenzte er sich in diesem Buch vom „Vierergespann Rákosi-Gerö-Farkas-Révai“ ab117, welche als die „ungarischen Stalinisten“ gelten.

Im Buch Sirach heißt es: Wertlos ist das Lob aus dem Mund eines Sünders; denn es kommt nicht vom Herrn.“118 Es gibt sicherlich Genossen, die auf Oberflächlichkeiten hereinfallen. Denen ist nicht zu helfen. Nagys Ausführungen und spätere Taten sprechen gegen ihn. András Hegedüs, 1955 bis 1956 ungarischer Ministerpräsident, meinte, dass Imre Nagy im Jahre 1953 vor dem Zentralkomitee als „strenggläubiger Leninist“ aufgetreten sei119. Betrachtet man vor allem seine Tatenlosigkeit gegenüber der Konterrevolution, so bleibt auch von dieser Fassade nichts mehr übrig.

Man könnte noch eher Kádár als einen „geläuterten Stalinisten“ bezeichnen, bei seinen getätigten Äußerungen im Herbst 1956 und der Tatsache, dass er einen zentristischen Kurs fuhr. Am 1. November 1956 sagte Kádár im Radio: „Die ungarischen Vertreter des Stalinismus, Rakosi und seine Clique, erniedrigten durch ihre blinde und verbrecherische Politik die Partei zu einem Instrument der Tyrannei und der Versklavung des Volkes.“120 Andererseits war Kádár auch ein Meister im opportunistischen Lavieren. Auf einer Landeskonferenz der MSZMP im Juni 1957 sagte er:

Genosse Révai hat, damit – wie er sagte – keine Mißverständnisse im Zusammenhang mit seiner Rede aufkämen, darauf aufmerksam gemacht, daß er keineswegs das Banner des ´Stalinismus´ oder des ´Rákosismus´ entfalten wolle. Wer wie wir auf den Grundlagen des Marxismus-Leninismus steht, akzeptiert diese Begriffe nicht, obwohl sie tatsächlich benutzt werden. Sie werden von den Feinden des Kommunismus geprägt und von den Verrätern der Partei und anderen Leuten übernommen, die durch revisionistische Ansichten irregeführt worden waren. […] Unser Standpunkt in dieser Frage ist unmißverständlich. Unserer Meinung nach gibt es weder ´Stalinisten´ noch ´Rákosisten´, und somit kann man auch nicht von ihrem Banner sprechen.“121

Kádár stritt also 1957 ab, dass es „Stalinismus“ und „Rákosiismus“ gab, obwohl er von Ersterem nur ein halbes Jahr zuvor selbst im Radio gesprochen hatte. Seiner eigenen Logik nach wäre er selbst ein „revisionistisch irregeführter Verräter“ gewesen! Es erinnert an die Chruschtschow-Rede zum 40. Jahrestag der Oktoberrevolution, in welcher dieser auf einmal Stalin in Schutz nahm und kurzzeitig so tat, als hätte seine sogenannte „Geheimrede“ nie stattgefunden. Und genauso wie bei Chruschtschow hatte auch bei Kádár dieser temporäre Umschwung keine langfristigen Auswirkungen. Wenige Jahre später, nach dem XXII. Parteitag der KPdSU im Jahre 1961 begann Kádár wiederum wieder damit, den „Stalinismus“, umbenannt in „Personenkult um Stalin“, offen zu attackieren. Wie bereits erwähnt, wandte sich Kádár ab dem IX. Parteitag der MSZMP im November 1966 von der Planwirtschaft ab und damit auch vom sozialistischen Wirtschaftskurs. Bei diesen opportunistisch-revisionistischen Schlenkerkursen auf ideologischem und wirtschaftlichem Gebiet war Kádár kein Fels, auf dem man bauen konnte, sondern eher ein erodierender Sandhaufen. Diese Einschätzung ist nicht übertrieben, schließlich akzeptierte Kádár die Fremdbezeichnung „Roboter des Kompromisses“122 für sich, was seinen zentristischen Charakter noch mehr unterstreicht. Zentrismus bedeutet Revisionismus auf Raten.

Insgesamt war Kádár zwar ein Revisionist, aber von einem ganz anderen Schlag als Nagy. András Hegedüs sagte 1980 im „Spiegel“-Interview: Kadar repräsentierte die kritische Strömung in der Partei, Nagy war die Galionsfigur der außerparteilichen intellektuellen Opposition.“123 Hegedüs sagte gegenüber Zoltán Zsille ebenfalls in den 80er Jahren, dass es neben der Gruppe um Rákosi sowohl noch eine um Nagy als auch um Kádár gab. Er bezeichnete die Nagy-Gruppe als „demokratische Opposition“ (offenbar in bürgerlichem Sinne gemeint) und die Kádár-Gruppe als Widerstand gegen Rákosi ohne das „Funktionärsbewußtsein“ aufgeben zu wollen124. Das war auch der Grund, wieso Imre Nagy und János Kádár anfangs zusammengearbeitet haben, aber auch mit einer der Gründe dafür, wieso sie sich ihre Wege wieder aufgabelten. Sie waren sich nur darin einig, gegen die Rákosi-Gruppe zu sein. Das spiegelt sich auch in Kádárs Aussage von 1963 wieder, dass man 1956 nicht nur die Konterrevolution und den Revisionismus, sondern auch „Personenkult“, „Verletzung der sozialistischen Gesetzlichkeit“, „Dogmatismus“, „Sektierertum“ und die „Isolierung vom Leben und Volk“ bekämpft habe125. Ohne namentliche Nennung ist klar, dass mit dem einen Nagy und mit dem anderen Rákosi gemeint ist.

Letztendlich war die Lage so: Kádár war ein Revisionist, aber Nagy war ein offen ins bürgerliche Lager übergelaufener Verräter.

Nagy war ein Produkt des XX. Parteitages der KPdSU!“

Ramiz Alia, der Nachfolger von Enver Hoxha, behauptete im Jahre 1988: „Die ungarischen Ereignisse waren das direkte Ergebnis des 20. Parteitages der Kommunistischen Partei der Sowjetunion.“126 Dies lässt die Fehler der Rákosi-Ära völlig außer Acht. Nicht jedes sozialistische Land hatte im Jahre 1956 solche „Ereignisse“. Ramiz Alia ignoriert somit die nationalen Bedingungen Ungarns und impliziert, dass Imre Nagys Übernahme der Partei- und Staatsführung alleinig auf den XX. Parteitag der KPdSU zurückzuführen sei, schließlich war das der Auslöser für den konterrevolutionären Putschversuch im Oktober 1956. Alia behauptet, dass Hoxha gegenüber dem Sekretär des ZK der KPdSU Suslow seine Sicht auf Ungarn und seine kritische Haltung gegenüber Imre Nagy mitgeteilt hätte, dieser aber als Antwort bloß auf die Selbstkritik von Nagy verwiesen habe127. Auch das wurde aus der Implikation heraus geäußert, dass der XX. Parteitag der KPdSU Nagy hervorgebracht habe.

Der XX. Parteitag der KPdSU brachte Rákosi durchaus unter Druck, sodass er Gerő zu seinem Nachfolger bestimmte, aber es ist nicht so, dass man Imre Nagys Übernahme der Staats- und Parteispitze lediglich darauf reduzieren könnte. Diese Behauptung ignoriert, dass Nagy bereits vor Februar 1956 als Revisionist in der Partei bekannt gewesen ist und entsprechend agiert hatte. So entfernte man Nagy im März 1955 aus der Parteiführung, weil man ihn als Revisionist erkannte. Das kappte aber nicht seine revisionistischen Wurzeln innerhalb der MDP wie sich zeigen sollte. Nagy hätte auch ohne den XX. Parteitag der KPdSU irgendwann die Parteiführung usurpieren können, so wie es Todor Shiwkow in Bulgarien bereits seit 1954 tat.

Abschluss

Árpád Göncz sagte am 6. Juni 1996 bei der Einweihung einer Imre-Nagy-Statue über diesen: „Starb er als Kommunist und ungarischer Patriot? Meiner Meinung nach starb er als Kommunist und ungarischer Patriot.“128 Kann man dem zustimmen? Sicherlich kann man Nagy im bürgerlichen Sinne als einen „ungarischen Patrioten“ im Sinne eines bürgerlichen Nationalisten ansehen; als Kommunist jedoch ist er in jeglicher Sicht durchgefallen. Aus unserer Sicht ist eine Rehabilitierung seiner Person auf ewig unmöglich129.

In diesem Sinne werden die Liberalen Imre Nagy weiterhin beschwören können, aber für uns als Marxisten ist das nicht von Belang. In dieser Frage zeigt sich die Scheidelinie zwischen Sozialismus und Kapitalismus auf dem ideologischen Gebiet. Ein Kompromiss ist nicht möglich und wird niemals möglich sein. Imre Nagys Fall ist ein eindrückliches Beispiel dafür, dass man nicht versuchen kann, zwischen zwei Gesellschaftssystem lavieren zu wollen. Entweder kämpft man mit vollem Einsatz für die sozialistische Gesellschaftsordnung oder man restauriert den Kapitalismus – entweder, weil man diesen wirtschaftlich nicht beseitigt, oder weil man durch konterrevolutionäre Kräfte hinweggefegt wird wie ein Gartenstuhl während eines Orkans. Das sollte die Lehre der Geschichte für uns sein.

1 Zit. nach: Ilko-Sascha Kowalczuk „Walter Ulbricht – Der deutsche Kommunist“, Verlag C. H. Beck, München 2023, S. 96.

2 Albert Camus „Vorwort“ In: „Der Fall Imre Nagy – Eine Dokumentation“, Kiepenheuer & Witsch, Köln/Berlin 1958, S. 9.

3 Ebenda, S. 55.

4 Vgl. Ebenda, S. 91.

5 Siehe: Ebenda, S. 99.

6 Vgl. Ebenda, S. 101.

7 Ebenda, S. 104.

8 Siehe: Ebenda, S. 105.

9 Vgl. Ebenda, S: 83.

10 Vgl. Ebenda, S. 58.

11 Vgl. (Hrsg.) József Gert Farkas „Die ungarische Revolution 1956“, Selbstverlag von J. G. Farkas, München 1957, S. 26.

12 Vgl. „Geschichte der ungarischen revolutionären Arbeiterbewegung“, Dietz Verlag, Berlin 1983, S. 622/623.

Vgl. dazu auch: Rochus Door „Neueste Geschichte Ungarns“, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1981, S. 196.

13 Vgl. (Hrsg.) József Gert Farkas „Die ungarische Revolution 1956“, Selbstverlag von J. G. Farkas, München 1957, S. 29.

14 Vgl. Ebenda, S. 51.

15 Zit. nach: Ebenda, S. 40.

16 „Botschaft der Arbeiterräte und des Studentenparlaments von Borsod“ (28. Oktober 1956) In: Günter Hillmann „Selbstkritik des Kommunismus“, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1967, S. 183.

17 Vgl. „Geschichte der ungarischen revolutionären Arbeiterbewegung“, Dietz Verlag, Berlin 1983, S. 624.

18 Siehe bspw.: „Festtag des Sieges über die Konterrevolution“ (1. Mai 1957) In: János Kádár „Eine starke Volksmacht bedeutet ein unabhängiges Ungarn“, Dietz Verlag, Berlin 1961, S. 18.

19 Vgl. „Geschichte der ungarischen revolutionären Arbeiterbewegung“, Dietz Verlag, Berlin 1983, S. 625.

20 Vgl. Ebenda, S. 626.

21 „Bericht in der gemeinsamen Sitzung des Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees, des Moskauer Sowjets, der Betriebskomitees und der Gewerkschaften“ (22. Oktober 1918) In: W. I. Lenin „Werke“, Bd. 28, Dietz Verlag, Berlin 1970, S. 115.

22 Vgl. „Geschichte der ungarischen revolutionären Arbeiterbewegung“, Dietz Verlag, Berlin 1983, S. 627.

23 Ebenda, S. 629.

24 Vgl. 632.

25 Vgl. Rochus Door „Neueste Geschichte Ungarns“, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1981, S. 196.

26 Sprüche 18, 9.

27 Vgl. „Telegrammwechsel mit J. W. Stalin“ (7. Juli 1918) In: W. I. Lenin „Werke“, Bd. 27, Dietz Verlag, Berlin 1960, S. 534.

28 Ebenda, S. 535.

29 „We must avoid excessive leftist tendencies in dealing with the liberal bourgeoisie“ (26. Oktober 1947) In: „Mao´s Road to Power“, Vol. X, Routledge, New York 2023, S. 105, Englisch.

30 Vgl. Imre Nagy „Politisches Testament“, Kindler Verlag, München 1959, S. 59.

31 Vgl. „Geschichte der ungarischen revolutionären Arbeiterbewegung“, Dietz Verlag, Berlin 1983, S. 632.

Siehe dazu auch: Rochus Door „Neueste Geschichte Ungarns“, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1981, S. 197.

32 Siehe: „Der Fall Imre Nagy – Eine Dokumentation“, Kiepenheuer & Witsch, Köln/Berlin 1958, S. 146.

33 Siehe: Imre Nagy „Politisches Testament“, Kindler Verlag, München 1959, S. 90.

34 Vgl. „Aus den Erfahrungen des Klassenkampfes in Ungarn“ (Februar 1959) In: János Kádár „Eine starke Volksmacht bedeutet ein unabhängiges Ungarn“, Dietz Verlag, Berlin 1961, S. 204.

35 Zit. nach: „Der Fall Imre Nagy – Eine Dokumentation“, Kiepenheuer & Witsch, Köln/Berlin 1958, S. 146.

36 Vgl. „Geschichte der ungarischen revolutionären Arbeiterbewegung“, Dietz Verlag, Berlin 1983, S. 633.

37 Vgl. „Gespräch mit André Wurmser, Berichterstatter der ´Humanité´“ (6. Januar 1963) In: János Kádár „Vorwärts auf dem Wege des Sozialismus“, Corvina Verlag, Budapest 1967, S. 159/160.

38 „Aus den Erfahrungen des Klassenkampfes in Ungarn“ (Februar 1959) In: János Kádár „Eine starke Volksmacht bedeutet ein unabhängiges Ungarn“, Dietz Verlag, Berlin 1961, S. 211.

39 „Bericht des Zentralkomitees auf dem VIII. Parteitag der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei“ (20. November 1962) In: János Kádár „Vorwärts auf dem Wege des Sozialismus“, Corvina Verlag, Budapest 1967, S. 113.

40 „Grundfragen der Politik der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ (30. Januar 1957) In: Walter Ulbricht „Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“, Bd. VI, Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 300.

41 Zit. nach: (Hrsg.) József Gert Farkas „Die ungarische Revolution 1956“, Selbstverlag von J. G. Farkas, München 1957, S. 15.

42 Vgl. András Hegedüs „Im Schatten einer Idee“, Ammann Verlag, Zürich 1986, S. 137.

43 Vgl. Imre Nagy „Politisches Testament“, Kindler Verlag, München 1959, S. 329.

44 Siehe: Ebenda, S. 334.

45 „Die Wahrheit über die ´Vermittlung´ der USA und die Perspektiven des Bürgerkriegs in China“ (29. September 1946) In: Mao Tse-tung „Ausgewählte Werke“, Bd. IV, Verlag für fremdsprachige Literatur, Peking 1969, S. 110.

46 Vgl. Carl Samuel Wigand „Kleine Hessische Chronik für die Jugend“, Hampesche Buchdruckerey, Kassel 1793, S. 338.

47 Vgl. Ebenda, S. 345.

48 „Der Fall Imre Nagy – Eine Dokumentation“, Kiepenheuer & Witsch, Köln/Berlin 1958, S. 114.

49 https://www.die-rote-front.de/ayn-rand-die-amerikanische-ideologie-ohne-maske/ Ich habe diese Einschätzung bereits hier geäußert; der Existenzialismus ist gewissermaßen das „linke“ Spiegelbild des Randschen Objektivismus.

50 Vgl. Stephen Borsody „Imre Nagy and Eurocommunism“ In: „The Hungarian Revolution of 1956 in Retrospect“, Columbia University Press, New York 1978, S. 133, Englisch.

51 Ebenda, S. 132, Englisch.

52 Vgl. Imre Nagy „Politisches Testament“, Kindler Verlag, München 1959, S. 58.

53 Vgl. Imre Nagy „Politisches Testament“, Kindler Verlag, München 1959, S. 66.

55 Imre Nagy „Politisches Testament“, Kindler Verlag, München 1959, S. 65.

56 „Über die Arbeiterselbstverwaltung in den Betrieben“ (26. Juni 1950) In: Josip Broz Tito „Selected Speeches and Articles 1941-1961“, Naprijed, Zagreb 1963, S. 115, Englisch.

57 Imre Nagy „Politisches Testament“, Kindler Verlag, München 1959, S. 58.

58 Vgl. Ebenda, S. 67.

59 Vgl. Ebenda, S. 68.

60 Vgl. Ebenda, S. 69.

61 Ebenda, S. 82.

62 „Über eine Karikatur auf den Marxismus und über den ´imperialistischen Ökonomismus´“ (August – Oktober 1916) In: W. I. Lenin „Werke“, Bd. 23, Dietz Verlag, Berlin 1960, S. 64.

63 Vgl. Ebenda, S. 234.

64 Ebenda, S. 235.

65 „Über die Verhandlungen in Tschungking“ (17. Oktober 1945) In: Mao Tse-tung „Ausgewählte Werke“, Bd. IV, Verlag für fremdsprachige Literatur, Peking 1969, S. 51.

66 Siehe: Imre Nagy „Politisches Testament“, Kindler Verlag, München 1959, S. 165 ff.

67 „Brief an den V. Gesamtrussischen Gewerkschaftskongress“ (17. September 1922), W. I. Lenin „Werke“, Bd. 33, Dietz Verlag, Berlin 1977, S. 356.

68 Siehe: Imre Nagy „Politisches Testament“, Kindler Verlag, München 1959, S. 166.

69 Siehe: Ebenda, S. 168.

70 Vgl. Ebenda, S. 169.

71 Vgl. Ebenda, S. 190.

72 Vgl. Paul Jónás „Economic Aspects“ In: „The Hungarian Revolution of 1956 in Retrospect“, Columbia University Press, New York 1978, S. 33/34, Englisch.

73 Vgl. „Über die zehn großen Beziehungen“ (25. April 1956) In: Mao Tsetung „Ausgewählte Werke“, Bd. V, Verlag für fremdsprachige Literatur, Peking 1978, S. 321/322.

74 Vgl. Imre Nagy „Politisches Testament“, Kindler Verlag, München 1959, S. 202.

75 Vgl. Ebenda, S. 266.

76 Vgl. Ebenda, S. 184.

77 Vgl. Ebenda, S. 227.

78 Vgl. Ebenda, S. 199.

79 Vgl. Ebenda, S. 226.

80 Vgl. Ebenda, S. 240.

81 Vgl. Ebenda, S. 241.

82 Vgl. Ebenda, S. 191.

83 Vgl. „Neue Verhältnisse – Neue Aufgaben des wirtschaftlichen Aufbaus“ (23. Juni 1931) In: J. W. Stalin „Werke“, Bd. 13, Dietz Verlag, Berlin 1955, S. 51.

84 Vgl. Imre Nagy „Politisches Testament“, Kindler Verlag, München 1959, S. 233.

85 Vgl. Ebenda, S. 232.

87 Imre Nagy „Politisches Testament“, Kindler Verlag, München 1959, S. 111.

88 Vgl. Ebenda, S. 297.

89 Vgl. Ebenda, S. 275.

90 „Aus den Erfahrungen des Klassenkampfes in Ungarn“ (Februar 1959) In: János Kádár „Eine starke Volksmacht bedeutet ein unabhängiges Ungarn“, Dietz Verlag, Berlin 1961, S. 195.

91 „Appell der Revolutionären Arbeiter-und-Bauern-Regierung der Ungarischen Volksrepublik vom 5. November 1956 an die Regierungen der sozialistischen Bruderländer“ In: „Unter dem Banner des proletarischen Internationalismus“, Dietz Verlag, Berlin 1960, S. 133.

92 Vgl. „Antwortschreiben des Ministerrats der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken vom 5. November 1956 an den Ministerpräsidenten der Revolutionären Arbeiter-und-Bauern-Regierung der Ungarischen Volksrepublik“ In: Ebenda, S. 134.

93 Vgl. „Telegramm des Staatsratsvorsitzenden der Volksrepublik China vom 6. November 1956 an den Ministerpräsidenten der Revolutionären Arbeiter-und-Bauern-Regierung der Ungarischen Volksrepublik“ In: Ebenda, S. 135.

94 Vgl. „Telegramm des Ministerpräsidenten der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik, Otto Grotewohl, vom 13. November 1956 an den Ministerpräsidenten der Revolutionären Arbeiter-und-Bauern-Regierung der Ungarischen Volksrepublik, János Kádár, über Hilfsmaßnahmen für das ungarische Volk“ In: Ebenda, S. 140.

95 Vgl. „Mitteilung über eine Besprechung zwischen einer Freundschaftsdelegation der Deutschen Demokratischen Republik und Vertretern der Revolutionären Arbeiter-und-Bauern-Regierung der Ungarischen Volksrepublik und der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei am 20. November 1956 in Budapest“ In: Ebenda, S. 145.

96 Vgl. „Solidaritätsbotschaft des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Deutschlands vom 9. November 1956 an die Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei“ In: Ebenda, S. 139.

97 Siehe: „Dankschreiben des Zentralkomitees der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei an das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deutschlands, veröffentlicht im März 1957“ In: Ebenda, S. 200.

98 Matthäus 26, 15.

100 Imre Nagy „Politisches Testament“, Kindler Verlag, München 1959, S. 251.

101 Der ´linke Radikalismus´, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ (April/Mai 1920) In: W. I. Lenin „Werke“, Bd. 31, Dietz Verlag, Berlin 1966, S. 8.

102 Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR“ (Februar – September 1952) In: J. W. Stalin „Werke“, Bd. 15, Verlag Roter Morgen, Dortmund 1979, S. 305.

103 Vgl. Imre Nagy „Politisches Testament“, Kindler Verlag, München 1959, S. 213.

104 Vgl. Ebenda, S. 219/220.

105 Vgl. Ebenda, S. 214.

106 Siehe: „Geschichte der ungarischen revolutionären Arbeiterbewegung“, Dietz Verlag, Berlin 1983, S. 630.

107 Vgl. „Aufruf des Revolutionskomitees der Intellektuellen“ (28. Oktober 1956) In: Günter Hillmann „Selbstkritik des Kommunismus“, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1967, S. 184.

108 Siehe bspw.: „Botschaft der Arbeiterräte und des Studentenparlaments von Borsod“ (28. Oktober 1956) In: Ebenda, S. 182.

110 „Die Verfassung der ungarischen Volksrepublik“ (17. August 1949) In: Mátyás Rákosi „Wir bauen ein neues Land“, Dietz Verlag, Berlin 1952, S. 90.

111 „Der siebzigjährige Stalin“ (21. Dezember 1949) In: Ebenda, S. 154.

112 Ebenda, S. 157.

113 „Antwortschreiben an Oberst Professor Dr. Rasin auf einen Brief vom 30. Januar über Clausewitz und über Fragen des Krieges und der Kriegskunst“ (23. Februar 1946) In: J. W. Stalin „Werke“, Bd. 15, Verlag Roter Morgen, Dortmund 1979, S. 58.

114 Siehe: „A nagy Októberi Szocialista Forradalom 35. Évfordulójára“ (7. November 1952) In: Nagy Imre „Egy Évtized“, Bd. II, Szikra, Budapest 1954, S. 252, Ungarisch.

116 Siehe bspw.: Imre Nagy „Politisches Testament“, Kindler Verlag, München 1959, S. 96.

117 Vgl. Ebenda, S. 121.

118 Sirach 15, 9.

119 Vgl. András Hegedüs „Im Schatten einer Idee“, Ammann Verlag, Zürich 1986, S. 166.

120 Zit. nach: „Der Fall Imre Nagy – Eine Dokumentation“, Kiepenheuer & Witsch, Köln/Berlin 1958, S. 146.

Vgl. auch: (Hrsg.) József Gert Farkas „Die ungarische Revolution 1956“, Selbstverlag von J. G. Farkas, München 1957, S. 101.

121 „Wir haben aus den Fehlern gelernt“ (Juni 1957) In: János Kádár „Für ein sozialistisches Ungarn“, Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1976, S. 79/80.

122 „Pressekonferenz in Rom“ (Juni 1977) In: János Kádár „Ausgewählte Reden und Aufsätze“, Dietz Verlag, Berlin 1981, S. 149.

https://www.youtube.com/watch?v=Hoe4MsWw-yE (Ungarisch) Ab 4:18. György Aczél benutzt diese Bezeichnung für Kádár in seiner Rede auf der Parteikonferenz der MSZMP im Mai 1988.

124 Vgl. András Hegedüs „Im Schatten einer Idee“, Ammann Verlag, Zürich 1986, S. 195.

125 Vgl. „Bericht über den Besuch der ungarischen Partei- und Regierungsdelegation in der Sowjetunion auf der Massenkundgebung im kleinen Stadion“ (5. August 1963) In: János Kádár „Vorwärts auf dem Wege des Sozialismus“, Corvina Verlag, Budapest 1967, S. 269.

126 Ramiz Alia „Our Enver“, The November 8th Publishing House, Ottawa 2023, S. 205, Englisch.

127 Vgl. Ebenda, S. 206, Englisch.

128 „A Death which paved the Way to the Future“ (6. Juni 1996) In: Árpád Göncz „In Mid-Stream – Talks & Speeches“, Corvina, Budapest 1998, S. 99, Englisch.

129 https://www.youtube.com/watch?v=MTgjet8mvn4 (Ungarisch) János Kádár lehnte noch im Mai 1988 eine Rehabilitierung von Imre Nagy strikt ab.

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